"Kindheit auf Immenhof"

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"Kindheit auf Immenhof"

Beitragvon Ethelbert© » So 04.Sep.2005 7:33

Teil 1

Es war ein kalter trüber Tag im Jänner. Viele Menschen zogen auf der Landstraße dahin. Darunter auch Anna Voss. Auf ihren Schultern saß die zweijährige Brigitte, genannt Dalli. Neben Anna lief die vierjährige Barbara, genannt Dick. Der Schnee fiel in dichten Flocken vom Himmel.

Anna spürte bei jedem Schritt ein Stechen. Nicht in den Seiten, sondern in der Lunge. Anna ahnte dumpf, dass sie das Frühjahr nicht erleben würde. Die Krankheit war schon zu weit fortgeschritten. Und noch immer tobte der schreckliche Krieg, welcher viele Opfer gefordert hatte. Darunter auch Annas Mann Karl. Er galt offiziell noch als vermisst, doch Anna hatte nur wenig Hoffnung. Dabei war die Ehe durchaus nicht unglücklich gewesen.
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Re: „Die Flucht“ (Geschichte)

Beitragvon Ethelbert© » Sa 10.Sep.2005 6:25

Teil 2

Gegen Abend trafen Anna und ihre Töchter auf dem Immenhof ein. Das Gut gehörte Annas Mutter Henriette, genannt Oma Jantzen, die sich selbstverständlich um die kleine Familie kümmerte: "Hier seid ihr in Sicherheit. Hier kann euch nichts passieren. Kommt hinüber ins Wohnzimmer. Dort wartet Angela schon auf euch."

Angela, Annas älteste Tochter, lebte bereits seit einem Jahr auf dem Immenhof und war dort vor dem Krieg in Sicherheit gebracht worden. Angela blickte ihre Mutter skeptisch an. Sie waren einander durch die lange abweisenheit fremd geworden. Anna hatte keine Kraft, um sich mit ihrer ältesten Tochter zu streiten. Und seufzte daher nur leise, so dass es niemand hörte, auf.
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Teil 3

Beitragvon Andrea1984 » Fr 14.Okt.2005 12:44

Am nächsten Morgen schien die Sonne. Der Schnee glitzerte auf der Wiese. Im Stall stampften die Ponies mit den Hufen. Der Hahn krähte. Dick wusch sich bereits das Gesicht und half Dalli beim Waschen und Ankleiden.

"Trödelt doch nicht so lange herum. Ich bin schon fertig.", rief Angela aus dem Esszimmer herüber. Sie hatte sich ihre blonden Locken rasch gekämmt. Vielleicht war Angela deshalb eifersüchtig auf Dalli, weil sie ihr äußerlich so ähnlich sah.

Oma Jantzen stapfte mühsam die Treppe zu den Schlafzimmern hinauf. Sie trat nahe an das Bett heran, in dem ihre Tochter schlief und nicht mehr erwachte. Anna hatte während der Flucht irgendwo den Keim einer Thypusinfektion aufgeschnappt. Da er nicht behandelt wurde, gab es kein Heilmittel dagegen.

"Wie soll ich es nur den Kindern beibringen?", seufzte Oma Jantzen und öffnete das Fenster. Die Vögel zwitscherten. Ahnungslos saßen Angela, Dick und Dalli beim Frühstück. Oma Jantzen betrat das Eßzimmer. Sie sah ernst und blass drein.

- bitte weiterschreiben -
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Teil 4

Beitragvon Andrea1984 » Fr 10.Mär.2006 14:52

Tapfer schenkte sie den Mädchen die Milch ein und schnitt ihnen Brote herunter.
"Komm, ich zeig dir die Pferde.", meinte Dick freundlich zu Dalli. Sie nahm ihre kleine Schwester bei der Hand und ging mit ihr nach draußen.

Angela trug das Geschirr zur Spüle und half Oma Jantzen beim Abwaschen.
"Ich muss dir etwas sagen ....", begann diese zögernd. Das Geschirr klapperte unter ihren Händen. Plötzlich zerbrach eine Tasse.
Angela lief rasch und holte einen Besen. Dann kehrte sie die Scherben zusammen. Sie konnte es kaum abwarten, was ihr Oma Jantzen mitzuteilen hatte.

Dick und Dalli schlenderten derweilen durch den Stall.
"Ich habe Angst.", piepste Dalli. Sie fürchtete sich vor den großen Pferden. Doch die meisten waren gutmütig und schnaubten friedlich.
Dicki ging ohne zögern auf eines der kleinen Ponys zu und strich ihm sanft über den Rücken. "Sieh nur, es tut dir nichts. Sein Name ist Schneeflöckchen."

Das weiße Pony genoss es gestreichelt zu werden und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dalli traute sich noch immer nicht an die Pferde heran. Ängstlich klammerte sich am Rock ihrer großen Schwester fest. Es sollte noch viele Jahre dauern, ehe sie selbst zu einer guten Reiterin wurde.

Der Tag verging wie im Flug. Dick konnte ihrer kleinen Schwester viel Neues zeigen. Angela hielt sich lieber im Haus auf. Sie mochte weder Pferde noch Ponys. Außerdem war sie alt genug, um bereits tüchtig im Haushalt mitzuhelfen.

Beim Mittagessen brachte Oma Jantzen die traurige Nachricht immer noch nicht über die Lippen. Plötzlich klingelte es an der Türe. Das konnte doch nur der Tierarzt Dr. Pudlich, ein guter Freund von Oma Jantzen, sein. Er kam oft vorbei, um mit ihr zu plaudern und ihre Wolle aufzuwickeln.
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Teil 5

Beitragvon Andrea1984 » Fr 24.Nov.2006 21:03

"Sie sehen so traurig drein, liebste Henriette.", brummelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und beugte sich über Oma Jantzens Hand. Dann küsste er sie galant oder tat wenigstens so, als ob.

Aber Oma Jantzen war nicht zum Lachen zu Mute. Sie stand auf, um einen Schnaps für Dr. Pudlich zu holen. "Kommen Sie, wir gehen rüber ins Wohnzimmer und machen es uns dort bequem. Was ich Ihnen mittzuteilen habe, ist nicht für die Ohren der Mädchen bestimmt."

Dick und Dalli löffelten ihre Suppe, als ob nichts gewesen wäre. Doch Angela schien etwas zu ahnen. Heimlich stand sie auf und schlich den Erwachsenen nach: "Bleibt sitzen und rührt euch nicht von der Stelle.", schärfte sie Dick und Dalli ein. Es klang fast wie eine Drohung.

".... ja, nu, wie bringen Sie es den Mädchen bei.", meinte Dr. Pudlich und griff schon wieder -noch immer - zur Schnapsflasche. Oma Jantzen hatte plötzlich so rote Augen. Außerdem lag ein Taschentuch in ihrem Schoß.
Angela begriff, dass etwas Schreckliches geschehen war.
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Teil 6

Beitragvon Andrea1984 » So 03.Dez.2006 20:48

Sie schluckte, während sie näher zu Oma Jantzen trat. Und wagte nicht, die Worte offen auszusprechen.
"Es tut mir leid .... deine Mutter hat die Nacht nicht überlebt.", kam es stockend von Oma Jantzen's Lippen. Dr. Pudlich war blass geworden.

Weinend ließ sich Angela in einen Sessel fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Schultern bebten. Eine Gänsehaut lief über ihren Rücken.
"Soll ich .... es Dick und Dalli .... sagen.", schlug Dr. Pudlich vor, der seiner "liebsten Henriette" auch in schwierigen Situationen zur Seite stand.

Oma Jantzen nickte nur stumm. Dr. Pudlich eilte nach oben, um die Kinder zu holen. Dalli war noch zu klein, um alles zu begreifen, dennoch weinte sie wie die anderen auch. In dieser Situation klammerte sie sich eng an Dick.
Dr. Pudlich telephonierte mit dem Pfarrer, um einen Termin für die Beerdigung zu organisieren. Und griff dann wieder zur Schnapsflasche.

Wenige Tage später fand die Beerdiung auf dem Friedhof von Malente statt. Es regnete in Strömen. Oma Jantzen hatte es aufgegben, die vielen Leute, welche ihr kondolierten, zu zählen. Anna war sehr beliebt hier gewesen. In der langen Schlange der wartenden standen unter anderem der Schmied Peter und sein Sohn Mans, der im Alter von Dick war.

"Die Kinder tun mir leid.", meinte jemand. In der Menge war es unmöglich zu erkennen, zu wem die Stimme gehörte. "Erst der Vater und dann die Mutter. Aber wenigstens haben sie noch die Großmutter, die ihnen hilft."
Dr. Pudlich stützte Oma Jantzen behutsam, als sie plötzlich schwankte und kurz vor einem Zusammenbruch stand.

Ein Kind zu verlieren, ist das schwerste, was einer Mutter geschehen kann. Nun hatte es also Oma Jantzen abermals getroffen. Das war unfassbar, besonders nach der Totgeburt von Maria und dem frühen Tod von Elisabeth im Kindesalter, die älter als Anna gewesen waren. Oma Jantzen konnte bis heute nicht verstehen, warum ihr der Himmel nur eine Tochter und keine große Kinderschar gönnte. Sie versuchte, Trost im Gebet zu suchen, aber sie fand ihn nicht.
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Teil 7

Beitragvon Andrea1984 » Fr 05.Okt.2007 18:06

Dick weinte die ganze Nacht hindurch. Sie ließ sich weder von Angela, noch von Oma Jantzen trösten. Dalli hingegen war noch zu klein, um alles zu begreifen.

Am Abend, als auch Angela bereits zu Bett geschickt worden war, saßen Oma Jantzen und Dr. Pudlich noch im Wohnzimmer friedlich beisammen. Eine Flasche Kognak stand auf dem Tisch. Oma Jantzen zerknüllte ein gebrauchtes Taschentuch zwischen ihren Fingern.

"Warum ausgerechnet Anna?", seufzte die alte, schwer geprüfte Dame. "Sie war doch noch viel zu jung zum Sterben und hätte noch viele Jahre vor sich gehabt."

Dr. Pudlich konnte nur schwer seine Gefühle in Worte fassen. Am liebsten hätte er Oma Jantzen einen Arm um die Schultern gelegt, doch er traute sich einfach nicht darüber.
"Ja nu ....", meinte er verlegen und strich sich durch die Haare. ".... ich weiß, wie dir zu Mute ist. Meine Mutter ist auch sehr früh gestorben."

Oma Jantzen schwieg und starrte verlegen auf den Fußboden. Dr. Pudlich erhob sich, um ein wenig Holz nachzulegen. Draußen wurde es schon früh dunkel und kühl. Kein Wunder, man schrieb Mitte November. Der Wind peitschte gegen die Fensterscheiben.
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Teil 8

Beitragvon Andrea1984 » Sa 06.Okt.2007 20:50

Wenige Tage später zog der Winter ins Land. Dichte Schneeflocken fielen vom Himmel. Die Ponys tobten auf der Weide herum. Hein Daddel, ein kleiner, stämmiger Stallknecht, behielt sie im Auge. Er war schon seit vielen Jahren auf dem Immenhof tätig und wurde von Oma Jantzen sehr geschätzt. Dicki und Dalli hatten ein wenig Angst vor ihm und wagten sich anfangs nur selten in seine Nähe.

Angela hielt nicht viel von der Stallarbeit. Sie befand sich stets in Oma Jantzens Nähe, um ihr im Haushalt zur Seite zu stehen. Angela zeigte ihre Gefühle nach außen hin nicht. Sie hatte keine Erinnerungen an ihren leiblichen Vater, welcher entweder vermisst oder gefallen war und nur wenige glückliche, sorglose Momente mit ihrer Mutter. Dann waren Dick und Dalli plötzlich gekommen.

In der Nacht lag Oma Jantzen lange wach, während ihre kleinen Enkelinnen friedlich neben ihr im großen Bett schliefen. Angela, mit ihren 15 Jahren, hatte bereits ein eigenes Zimmer.
„Wie soll ich das nur schaffen, die drei Mädchen großzuziehen?“, dachte Oma Jantzen. „Mit Angela alleine bin ich recht gut ausgekommen. Sie ist sehr gehorsam, bescheiden und anpassungsfähig.“

Natürlich waren der alten Frau die kleinen Spannungen zwischen Angela und Dalli nicht entgangen. In den seltensten Fällen trug die kleinere der Schwestern die Schuld daran. Dick wurde von Angela gerade mal eben so geduldet, vermutlich trug auch der Altersunterschied von 11 Jahren ein wenig dazu bei. Dalli war hingegen 13 Jahre jünger als Angela.

Plötzlich heulte die Feuerwehrsirene auf. Oma Jantzen fuhr erschrocken in die Höhe. Ihr weißes Haar, welches sie unter Tags hochgesteckt trug, lag offen auf ihren Schultern. Dick schlief seelenruhig, doch Dalli wurde ebenfalls munter. Und weinte leise vor sich hin. Oma Jantzen versuchte alles, um ihre Enkelin zu beruhigen. Draußen klapperten hastige Schritte, Jemand eilte über den Gutshof.

„Alles ist in Ordnung, Frau Jantzen.“, meldete Hein. Er steckte den Kopf durch den Türspalt. „Die Scheune des Bauern Barthel ist in Flammen aufgegangen. Doch es wurde niemand verletzt.“
Oma Jantzen seufzte vor Erleichterung: „Es ist gut. Dann kannst du dich ja wieder schlafen legen.“
Hein nickte und zog sich taktvoll zurück. Dallis Schluchzen verebbte langsam. Sie nuckelte behaglich am Daumen. Dick hatte von der ganzen Aufregung, dank ihres festen Schlafes, nichts mitbekommen.

Am nächsten Morgen war alles ruhig und friedlich. Jedenfalls schien es zunächst so. Dick kümmerte sich um Dalli während des Frühstücks, während Angela schweigend mit blassen Lippen dabei saß. Oma Jantzen stand am Herd und achtete darauf, dass die Milch nicht überkochte. Plötzlich klingelte es an der Türe. Wer konnte das wohl um diese Tageszeit außer Dr. Pudlich sein? Oder doch nicht?

„Ich bin gleich wieder da.....“, murmelte er hastig, statt einer ordentlichen Begrüßung. „.... muss mir nur rasch die Hände waschen. Hein sagte mir soeben draußen im Stall, dass es bei Esmeralda soweit ist.“
Dabei handelte es sich um eine der trächtigen Stuten, welche den Winter über im Stall eingesperrt waren. Esmeralda brachte in regelmäßigen Abständen Fohlen zur Welt. Sie leistete stets gute Arbeit.

Dick zupfte Oma Jantzen am Ärmel: „Dürfen Dalli und ich mitkommen? Wir möchten gerne zusehen.“
Natürlich erlaubte es die gütige Großmutter. Zu dritt gingen sie, fest eingemummt gegen die Kälte, hinüber zum Stall, während Angela sich um das schmutzige Geschirr kümmerte. Und mal wieder ärgerte, dass die kleinen Schwestern bevorzugt wurden. Dabei mochte Angela Pferde nicht gerne.

Dr. Pudlich leistete ganze Arbeit. Noch bevor die Sonne richtig am Himmel stand, war das kleine Fohlen schon da. Es stand noch etwas wackelig auf seinen dünnen Beinen und wieherte hiflos.
„Wie soll es heißen?“, erkundigte sich der Tierarzt, während er seine Hände an der Schürze abwischte. „Es ist ein Stutfohlen. Sehen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an, liebste Henriette, das kann ich ruhig neben den Mädchen sagen. Diese verstehen in diesem Alter gottseidank nichts davon.“

Dick öffnete den Mund, um einen Vorschlag zu machen: „Schneewittchen wäre ein passender Name.“
Kein Wunder, das Fohlen hatte ein weißes Fell und schwarze Augen, ähnlich wie die Figur aus Dicks Lieblingsmärchen. Einstimmig wurde der Vorschlag von Dr. Pudlich und Oma Jantzen angenommen. Selbst Dalli freute sich darüber, ohne zu ahnen, was noch alles mit Schneewittchen geschehen würde.

Hein fegte die Stallgasse, nach dem Oma Jantzen und die Mädchen den Stall wieder verlassen hatten. Dr. Pudlich hingegen konnte nicht länger auf einen Kaffee bleiben, sondern fuhr wieder weg. Es warteten noch andere Patienten auf ihn. Oma Jantzen wünschte ihm einen schönen, ruhigen Tag.
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Teil 9

Beitragvon Andrea1984 » Mi 07.Nov.2007 21:07

Zur gleichen Zeit in der einerseits Trauer auf dem Immenhof herrschte, andererseits dank der tatkräftigen und resoluten Oma Jantzen das Leben für die drei Mädels weiterging, lag ein blasser Junge in seinem Bett und blickte mit großen Augen aus dem Fenster in den Garten hinunter.
Ethelbert, der Cousin von Angela, Dick und Dalli, war in jener Zeit ein kränkliches, schmales Kind.

„Hast du deine Medizin schön brav geschluckt?“, erkundigte sich seine Mutter besorgt und strich ihrem einzigen Sohn liebevoll das schweißnasse Haar aus der Stirn. Er nickte hastig, blieb jedoch stumm. Seine Eltern hatten viel zu arbeiten und konnten sich ihm daher nur wenig widmen. Ethelbert langweilte sich daher sehr. Leider durfte er, nach der schweren Grippe, das Bett noch nicht verlassen.

Frau Gravenhorst erhob sich seufzend. Sie verließ das Zimmer. Im Hinausgehen drehte sie sich noch einmal zu ihrem Sohn um und murmelte: „Wenn du etwas rasch brauchst, drück’ einfach die Klingel.“
Ethelbert wusste genau, dass dann entweder eines der Stubenmädchen oder seine Kinderfrau kommen und sich um ihn kümmern würde. Doch das wollte er nicht, sondern einfach nur schlafen.

Es regnete draußen in Strömen. Nur wenige Menschen überquerten den Bürgersteig. Irgendwo quietschten die Bremsen eines altersschwachen Autos. Ethelbert konnte sich auf keinen klaren Gedanken konzentrieren. Alles geriet durcheinander. War das Fieber denn immer noch so hoch? Ethelbert warf die dicke Daunendecke von sich. Im nächsten Augenblick begannen seine Zähne zu klappern. Gleichzeitig rann der Schweiß über die Stirn, den man ganz deutlich erkennen konnte.

Frau Gravenhorst ahnte nichts von den Problemen ihres Sohnes. Sie hatte genug zu tun. Für heute würden einige Gäste zum Tee kommen. Seit Tagen hoffte die junge Frau auf einen Brief ihres Mannes, welcher bereits 1939, kurz nach Ethelberts Geburt, in den Krieg gezogen war.
„Tut mir leid, gnädige Frau. Es ist wieder nichts dabei.“, meldete der Briefträger seufzend und ging weiter. Er brachte hingegen schlechte Nachrichten, welche groß in der Zeitung zu lesen standen.

Der Krieg dauerte immer noch an. Es hatte im Sommer ein Attentat auf Adolf Hitler gegeben, doch wie durch ein Wunder war er mit dem Leben davongekommen. Inzwischen hatte der Winter auch in München Einzug gehalten. Was mit den Tätern geschah, interessierte Frau Gravenhorst nicht. Beim Tee plauderte sie mit ihren Freundinnen über Belanglosigkeiten z.B. die Gesundheit der Kinder.

Plötzlich klopfte es an der Türe. Erschrocken zuckte Frau Gravenhorst zusammen. Das konnte nichts gutes bedeuten. „Bleibt ruhig hier sitzen. Ich werde nach Marianne klingeln, damit sie für mich öffnet. “
Eine Dame nippte an ihrem Tee, während die andere noch ein Stück Kuchen herunterschnitt. Frau Gravenhorst hatte zitternde Knie und ihr Herz schlug bis zum Hals. Wer kam um diese Tageszeit?

„Der gnädige Herr ist zurück.“, meldete Marianne hastig, nach dem sie höflich vor der Herrschaft geknickst und ihre Schürze glattgestrichen hatte. „Er wünscht die gnädige Frau sogleich zu sprechen.“
Frau Gravenhorst wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Dann besann sie sich im letzten Augenblick und eilte zur Türe, wo schon ihr Gatte auf sie wartete. Wie lange hatte sie auf diesen Tag gehofft.

Ethelbert bekam erst etwas davon mit, als jemand in sein Zimmer stürmte und ihn hochhob: „Mein lieber Junge. Du bist gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Lass dich umarmen.“
Was ? Dieser magere, zerlumpte und blasse Mann sollte sein Vater sein ? Es war kaum zu glauben. Doch es schien tatsächlich so zu sein. Frau Gravenhorst strahlte über das ganze, runde Gesicht.

„Ich werde dich wieder aufpäppeln. Du gehst mir nicht wieder zurück an die Front, Hans-Joachim.“, meinte sie. „Marie, du weißt ja unsere Köchin, schafft es, auch aus Resten etwas gutes zu kochen.“
Herr Gravenhorst schluckte mehrmals, ehe er die Sprache wiederfand: „Wie kann ich dir je genug für deine Fürsorge danken, Emilia. Unser Junge wird nicht lange alleine bleiben. Dafür sorge ich schon.“

„Nicht so laut. Die Dienstboten hören zu.“, mahnte Frau Gravenhorst scheinbar empört, doch aus ihren Augen kam nur Freude. Sie glaubte in diesem Augenblick fest daran, dass alles gut werden würde. Wie gut, dass weder Herr noch Frau Gravenhorst und schon gar nicht Ethelbert in die Zukunft sehen konnten.

Der Krieg sollte noch einige Monate dauern. Und der Frieden auch nicht von heute auf morgen kommen. In einem Punkt hatte Frau Gravenhorst allerdings Recht. Ihr Mann blieb im Haus und kehrte nicht wieder in den Militärdienst zurück. Langsam heilte sein gebrochener Arm wieder.

Frau Gravenhorst erwartete bald darauf ein Baby, doch sie verlor es allerdings im Februar 1945.
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Teil 10

Beitragvon Andrea1984 » Do 16.Okt.2008 13:06

„Ich will auch mit.“, rief die inzwischen vierjährige Dalli und stampfte wütend mit den Füßen auf. Dicke Tränen liefen über das herzförmige Gesicht. „Warum darf ich nicht mitgehen? Das ist so gemein.“
„Du bist noch nicht alt genug.“, meinte Angela spöttisch von oben herab. „Und jetzt lass Dick in Ruhe. Ich bring dich runter zu Oma. Da bekommst du ein Bonbon zum Trost oder eine Schokolade.“

Dalli verließ das Zimmer, welches sie mit Dick teilte und knallte die Türe hinter sich zu. Angela lachte schallend über das ganze Gesicht. Sie, knapp siebzehnjährig, wusste genau, warum Dalli diesmal ausnahmsweise nicht etwas gemeinsam mit Dick unternehmen durfte. Ein Glück, dass Oma Jantzen von all dem nur wenig mitbekam, wie sich Angela Dalli gegenüber zumeist unter vier Augen verhielt.

Dick feierte in wenigen Wochen ihren siebten Geburtstag. Aber das alleine war nicht der Grund, warum sie an diesem Tag so aufgeregt herumhüpfte. Heute war Dicks erster Schultag. Sie trug einen großen, roten Ranzen auf dem Rücken und ihre schwarzen Locken zu zwei schmalen Zöpfen geflochten. Oma Jantzen hatte ihr vorhin dabei geholfen, das beste blaue Kleid anzuziehen.

„Nun bin ich ein großes Schulmädchen.“, freute sich Dick und strahlte über das ganze Gesicht. Bis zur Grundschule war der Weg nicht allzu weit. An diesem Tag strahlte die Sonne vom Himmel. Dick trug vorsichtshalber warme, weiße Strümpfe und schwarze, feste Schuhe. Man konnte ja nie wissen. In dem Ranzen steckten eine Schiefertafel mit einer Kreide, ein Buch und ein kleiner Apfel als Vesper.

Angela blickte vorwurfsvoll auf die Uhr: „Mach‘ schnell, Dick. Sonst kommen wir zu spät zur Schule.“
Dick ließ sich ihre gute Laune nicht verderben und winkte Oma Jantzen brav zu, die gerade mit dem Aufhängen der Wäsche beschäftigt war. Dalli hingegen schmollte immer noch und ließ sich nicht blicken. Vermutlich hielt sie sich im Stall bei den Ponys oder auf dem großen Dachboden auf.

Gemeinsam schlenderte Angela und Dick die Straße entlang. Angela mochte es gar nicht, zur Schule zu gehen. Besonders weil die Jungs sie stets neckten, wann immer sie in deren Nähe kam. Und obendrein lagen ihre schulischen Leistungen weit unter dem Durchschnitt. Angela stand zwar kurz vor dem Abitur, doch sie wusste noch nicht genau, was sie danach tun wollte. Auf dem Land bleiben?

Schon war in der Ferne das Schulgebäude zu sehen. Viele Kinder tummelte sich davor. Einige spielten Tempelhüpfen, andere saßen auf den Stufen und plauderten artig miteinander. Angela hatte bereits ihre Freundinnen gefunden. Sie beachtete Dick daher eher wenig. Dabei hatte ihr Oma Jantzen aufgetragen: „Schau‘ auf Dick und hilf ihr am Anfang. Für sie ist das alles noch neu.“

Eine Glocke läutete. Die Kinder begaben sich nun in das Schulgebäude. Deutlich konnte man kleine und große Gruppen erkennen, nur wenige Kinder gingen beinahe in der Masse unter und blieben alleine. Dick zeigte keine Furcht. Vor wem sollte sie Angst haben? Die Lehrerin war eine noch recht junge Frau, mit braunen Haaren und gütigen, braunen Augen. Sie wies Dick liebevoll einen Platz am Fenster zu. : „Sag‘ mir doch mal deinen Namen. Ich möchte dich gerne näher kennenlernen.“

Dick stellte sich ihre neuen Kameraden zunächst mit ihrem richtigen Namen Barbara Voss vor, erwähnte jedoch, dass sie lieber bei ihrem Kosename Dick genannt werden wolle. Wenn dies möglich wäre. Die meisten Kinder akzeptierten diese Bitte problemlos, hatten sie doch selbst bisweilen ausgefallene Kosenamen, welche die ganze Schulzeit über an ihnen haften bleiben sollten.

Michael, der klein und blond war und grüne Augen hatte, wurde aufgrund seiner Größe „Krümel“ genannt und Katrin, die eine große, dicke Brille trug „Eule“, da sie klug war und bald zur Klassenbesten werden sollte. Walter, der anfangs noch neben Dick saß, hatte eine heisere, hohe Stimme und bekam daher den Kosenamen „Pieps“. Schon bald freundete sich Dick mit Michael und den anderen an. Katrin trug ihre blonden Haare ebenfalls zu Zöpfen geflochten, wie es der Mode entsprach. Sie hatte blaue Augen. Walter hingegen stach mit seinen braunen Haaren und schwarzen Augen ein wenig aus der Reihe. Die erste Pause verbrachten die vier bereits gemeinsam im Hof.

Sie schwatzten lebhaft miteinander. Dick teilte ihren mitgebrachten Apfel großzügig. Und Michael gab Stücke des große, runden Butterbrotes, das seine Mutter selbst gebacken hatte, an die anderen weiter. Leider verging die Pause viel zu schnell, so kam es Dick zumindestens vor. Während der Schulstunde durfte sie nicht mit den anderen schwatzen. Wie gerne hätte sie es doch getan. Na dann eben vielleicht auf dem Nachhauseweg, wenn jemand von den dreien in ihrer Nähe wohnte. Die Lehrerin war zwar meistens nett, konnte sich aber dennoch durchsetzen, wenn es nötig wurde.
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Re: "Kindheit auf Immenhof"

Beitragvon Die patente Oma » Fr 09.Feb.2018 18:07

Super! Total spannend zu lesen. Ich wollte gar nicht mehr aufhören. Das ist auch ein interessanter Gedanke, dass es die Mutter der Mädels noch mit auf den Immenhof schafft, bevor sie stirbt.
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Re: "Kindheit auf Immenhof"

Beitragvon Oma Janzen » Fr 16.Mär.2018 15:23

Langsam machte Dick auch die Schule Spaß, schließlich erfuhr sie jeden Tag etwas Neues. Sie hatte in ihrer besützten Welt bisher nicht geahnt, dass es noch soviel zu entdecken gab.
Noch hatte Dick - neben den wenigen Aufgaben, die sie zu Hause machen musste - Zeit mit ihren Klassenkameraden zu spielen. Allmählich wurden die Bäüme bunt und das Grün des Grases wechselte langsam zu gelb, auch pustete der Wind die ersten Blätter zu Boden. Diese waren allerdings nicht mehr weich wie im Sommer und so raschelte es herrlich, wenn sie mit den Füßen durch das trockene Laub liefen.
Zu Hause blieb Dick nichts anderes übrig, als iher Kleinen Schwester - die auch in 2 Jahren in die Schule kommen würde - zu erzählen, was sie in der Schule erlebte. So kam es, das auch Dalli bald die ersten Buchstaben schrieb und bald auch ihren Namen.

Dick konnte es kaum abwarten, bis sie 8 Jahre wurde. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte Oma Jantzen ihr erlabt, unter Heins Aufsicht, das erste mal einen Ponyrücken zu erklimmen.
Hein hatte das Pony an der Longe und es lief in einem großen Kreis um ihn herum, so das er immer eingreifen konnte. Noch konnte Dick ja keine Zügel halten, obwohl sie es immer wieder versuchte. Nach zehn Minuten sagte Hein: "So für heute hat die kleine Reitern sicher genug. Das Pony möchte auch wieder auf die Weide um die letzen Grashalme zu knabbern und mit seinen Freunden um die Wette zu rennen. Möchtest du es rausbringen?"
Dick zuiierten zwar die Beine aber das wollte sie natürlich nicht zugeben und sagte: "Au ja das mache ich gerne" und schnappte sich einen Strick und hackte es an dem einfachen, geflochtenen Stallhalfter ein. Schließlich hatte sie schon öfter gesehen, wie Hein einzelne Ponys raus brachte und sie meinte das könne ja nicht weiter schwer sein. Aber da irrte Dick sich gründlich.
Als sie nach einigen Minuten von der Weide wiederkam, baumelte der Strick raurig in der Hand und ihre schöne Reithose war voller Schlamm. Jetzt konnte Hein sich nicht mehr halten und lachte laut los.
Dick fand ihr Missgeschick, aber gar nicht so lustig und ging mit ihren kleinen Fäusten auf Hein los. Aber der setzte sich auch einenStrohballen und zog das kleine Mädchen neben sich. "Komm min Deern das passiert jedem beim ersten mal, du wirst es sich bald lernen. Morgen geht es sicher schon besser."
Hein kam ursprünglich von der Nordseeküste und war daher sehr Wortkarg. Aber dieses kleine Mädchengefiel ihm und er spürte, das sie schnell lernen würde. In geist sah er sie schon eines Tagen auf einem Kutschbock sitzen, der von mehreren Schettlandponys gezogen wurde ... aber bis dahin verging noch viel Zeit.
Dalli hatte zwar ursprünglich vor den für sie großen Ponys Angst. Aber wo sie jetzt großer wurde und den Ponys schon fast bis zum Rücken reichte, wollte sie auch reiten.
Aber Oma Jantzen die schon einige Jahrzehnte mit großen und kleinen Pferden zu tun hatte, wusste auchwas ein zu früher Ritt einem Kind antun konnte - blieb hart und sagte: "Warte mal noch 2 Jahre, dann kannst du deiner Schwester zeigen wie gut du reiten kannst. Aber wenn du möchtest kannst du ja gerne Hein bei den Ponys helfen. Übrigens, das gilt natürlich auch für dich Dick."
Bald war es so weit wenn jemand die beiden kleinen Mädchen suchte, erstmal im Stall nachschaute, wo sie auch meist waren.
- BIITTE WEITERSCHREIBEN -
Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.
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