Abenteuer auf Immenhof

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Abenteuer auf Immenhof

Beitragvon Andrea1984 » Di 21.Nov.2017 14:57

Prolog:

„Ich kann den Frühling kaum erwarten.“, sagte Dalli, die am Fenster stand und in den Innenhof hinabblickte. Die Wolken schoben sich von Minute zu Minute dichter zusammen. Es sah aus, als wollte es jeden Moment zu regnen beginnen.
„Die Pferde sind doch versorgt.“, antwortete Jochen, der in einem der Ohrensessel saß und seine Pfeife stopfte. „Der Stall ist wetterfest gemacht, ebenso die Scheune.“
„Oh das meine ich eigentlich nicht.“, Dalli spürte, wie ihre Wangen rot anliefen.
„Was dann?“, Jochen wechselte die Pfeife von der linken in die rechte Hand.
„Sieh doch einmal genauer hin. Fällt dir nichts auf?“
„Deine Reithose ist ein wenig zu eng. Hast du sie etwa zu heiß gewaschen?“
„Im Laufe der Jahre bin ich eine recht gute Hausfrau geworden. Ethelbert sagt das auch.“
„Ach so: Jetzt geht mir ein Licht auf. Ihr bekommt Nachwuchs.“
„Im März soll es soweit sein.“, verriet Dalli, legte eine Hand auf ihre leichte Wölbung, die sich unter dem verwaschenen blauen T-Shirt abzeichnete. „Ich bin jetzt in der 14. Woche.“
„Na dann: Herzlichen Glückwunsch. Weiß Ethelbert es schon?“
„Als Ehemann wird ihm das wohl kaum verborgen bleiben.“, Dalli lachte, ging vom Fenster hinüber zum Tisch, auf dem eine Schale mit frischem Obst stand. „Ich habe einen Heißhunger auf Obst.“

„Heute auf Obst und morgen auf Fleisch. Das kenne ich von Margot her, nur allzu gut.“
„Wo ist sie denn? Ich habe sie heute noch gar nicht gesehen, außer beim gemeinsamen Frühstück.“
„Mit den Kindern zum Arzt gefahren, einfach nur eine Kontrolluntersuchung, weiter nichts. Mach dir keine Sorgen.“, verriet Jochen. „Dann werde ich wohl besser meine Pfeife nur noch draußen rauchen.“
„Oder noch besser: Mit dem Rauchen aufhören. Es schadet deiner Gesundheit.“
„Du redest fast wie Oma Jantzen.“, schmunzelte Jochen. „Gönnt mir doch das einzige Laster, das ich noch habe.“
„Wie du meinst.“, Dalli blickte auf die Uhr, die sie an ihrem linken Handgelenk trug. „Wo bleibt denn nur Ethelbert? Er sollte schon längt wieder hier sein. Um ihn mache ich mir am meisten Sorgen.“
„Ethelbert ist alt genug, um zu wissen, was er tut. Entweder hilft er Hein im Stall. Oder Ethelbert unternimmt einen Ausritt, bevor das Wetter wirklich umschlägt und womöglich noch stürmisch wird.“
„Was ein harter Kerl ist, dem macht ein bisschen Regen und Wind nichts aus.“
„Ich bin auch mal so ein harter Karl gewesen, damals an der Front. Doch das ist lange her.“

„Wen interessieren die alten Geschichten. Lass uns lieber in die Zukunft blicken.“, schlug Dalli vor. „Hoffentlich geht das Ponyhotel bald so gut, dass wir es auch im Winter betreiben können.“
„Das stellst du dir so einfach vor, in deinem jugendlichen Leichtsinn. Doch die Idee gefällt mir. Ich werde sobald wie möglich mit Oma Jantzen und mit Dick und mit Ralf darüber reden.“
„Dick und Ralf wohnen doch schon längst nicht mehr hier.“, Dalli hob eine Augenbraue.
„Das weiß ich, aber sie haben ein Recht darauf, das zu erfahren, meinst du nicht auch?“
„Außerdem sind die beiden derzeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als mit dem Ponyhotel.“

„Richtig. Wie konnte ich das nur vergessen.“, Jochen legte die Pfeife, die inzwischen ausgegangen war, beiseite.
„Man wird eben alt und immer älter.“, zitierte Dalli und lachte.
„Werd nicht frech, sonst mache ich von meinem Züchtigungsrecht Gebrauch.“
„Du kannst doch keiner Fliege etwas zuleide tun.“, neckte Dalli ihren Schwager.
„Apropos Fliegen. Ich werde mal im Stall nach dem rechten sehen. Dort sind auch immer soviele dieser Insekten, dass ich sie gar nicht alle loswerden kann. Wo kommen die nur her?“
„Das weiß ich nicht, die haben keinen Reisepass dabeigehabt.“, behielt Dalli das letzte Wort.

Jochen lachte, stand auf und verließ das Wohnzimmer. Dalli blieb alleine zurück oder eigentlich nicht ganz alleine, wenn man das ungeborene Kind, dass sie unter ihrem Herzen trug, mitrechnete. Über drei Jahre war sie nun schon mit Ethelbert verheiratet, doch mit Nachwuchs hatte es bisher nicht klappen wollen. Ob es vielleicht an der mehr oder weniger nahen Verwandtschaft zu Ethelbert, der ihr Cousin 2. Grades war, lag? Dalli hatte immer viel zu tun und daher nur wenig Zeit und Muse, über alles in Ruhe nachzudenken. Der heutige Tag stellte eine Ausnahme dar.

Erst beim Mittagessen war die ganze Familie vollzählig. Dalli war großzügig und rechnete auch Margot, die zweite Frau von Jochen, und deren beide Kinder dazu, obwohl sie eigentlich gar nicht blutsverwandt waren. Aber wer wollte denn so kleinlich sein? Noch bevor das Hausmädchen Trine die Suppe auftrug, erhob sich Dalli und verkündete ihre Neuigkeit.
„Dass muss ich erst einmal verdauen.“, murmelte Oma Jantzen. „Trine bring mir einen Korn.“
„Du willst ja wohl nicht Dr. Pudlich Konkurrenz machen.“, ergriff Ethelbert, der an ihrer rechten Seite saß, das Wort. „Oder ist es eher Hein Daddel, der soviel Alkohl trinkt? Oder beide Herren?“
„Eigentlich hätte ich noch ein paar Wochen warten wollen, aber langsam wird mir meine Kleidung zu eng.“, Dalli setzte sich wieder, begann damit die Suppe zu löffeln.
Oma Jantzen trank den Korn, auf Ex hinunter.
„Hast du deiner Schwester schon Bescheid gesagt?“, fragte sie mit sichtlich schwerer Zunge.
„Es passt gerade nicht. Du weisst ja warum.“

Plötzlich klingelte das Telephon. Dalli warf Ethelbert einen seltsam grinsenden Blick zu.
„Ich geh schon ran.“, Jochen legte den Suppenlöffel und die Serviette beiseite. „Wartet nicht auf mich.“
„Danke, Jochen, das ist lieb von dir. Ich kann ja nicht mehr so schnell rennen, sonst hätte ich den Anruf schon selbst entgegengenommen, wie es doch meine Pflicht ist. Esst Kinder, esst, sonst wird die Suppe noch kalt. Und das wäre doch schade darum.“
Dalli ließ sich den Teller noch ein zweites Mal füllen. Aber auch Ethelbert und Margot langten tüchtig zu, während sich die Kinder mit kleineren Portionen zufrieden geben mussten.

„Wer da wohl am Telephon ist?“, wunderte sich Margot. „Vielleicht jemand, der ein Pony kaufen will?“
„Das glaubst du doch selbst nicht. Heute ist der 30. September. Na was kann denn da schon sein?“
„Vielleicht möchte ein Gast aus der Stadt einen Platz im Ponyhotel buchen und wird enttäuscht sein, wenn er erfährt, dass es im Winter geschlossen ist.“, sagte Ethelbert.
„Darauf wäre ich schon nicht gekommen. Die Telephonnummer kann man ja problemlos im Telephonbuch finden.“
Die kleinen Kinder rutschten auf ihren Stühlen herum, wollten offensichtlich aufstehen.
„Nun lauft und spielt schön im Kinderzimmer. Den Nachtisch könnt ihr dann später essen.“
Die Kinder jubelten, warfen beim Aufstehen beinahe die Stühle um und liefen nach draußen.

„Sie langweilen sich schrecklich hier. Das sehe ich den Kleinen an den Nasenspitzen an.“
„Arme Oma Jantzen.“
„Wieso bin ich „arm“?, die angesprochene schien offenbar nur Bahnhof zu verstehen.
„Oh nicht auf das Geld bezogen.“, versicherte Ethelbert. „Sondern darauf, dass Dalli früher bestimmt ebenso ein Wildfang gewesen und nie lange stillgesessen ist, außer vielleicht auf einem Pferderücken.“
„Das ist doch gar nicht wahr.“, Dalli streckte Ethelbert die Zunge heraus.
„Aber Brigitte, vielleicht benimmst du dich.“, gab dieser lachend zurück.
„Erwachsen werden? Ich mach ja viel Quatsch mit, aber nicht jeden.“

Die beiden alberten noch eine Weile herum. Dalli fühlte sich sorglos, zumindest für einen Augenblick. Was hatte sie schon in ihrem Leben durchgemacht. Endlich konnte sie wieder befreit aufatmen. Wenn auch noch das Baby da war, würde bestimmt alles gut werden, davon war sie überzeugt.
Als Nachtisch gab es Obstsalat mit Schlagsahne. Selbstverständlich nur aus frischen Früchten, die auf den Bäumen, welche im Garten standen, wuchsen und sorgfältig händisch zu Obstsalat oder zu Marmeladen verarbeitet wurden. Die Schlagsahne stammte von heimischen Kühen, die auf dem Immenhof in einem der Ställe standen. Das Brot hingegen wurde im Laden gekauft.

„Nanu, ihr seid ja schon fertig mit dem Nachtisch.“
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
„Typisch Dalli: Immer mit dem Mundwerk vorneweg. Willst du wissen, was ich gerade erfahren habe?“
Dalli nickte, da sie gerade den Mund voll mit Schlagsahne hatte.
„Eine sprachlose Dalli: Dass ich das noch erleben darf.“
Diese hustete, so dass die Schlagsahne quer über den Tisch spritzte.
„Hier, nimm diese Serviette. Damit kannst du dir den Mund abwischen. Du kleines Ferkel.“
„Erzähl schon, Jochen: Was gibt es neues. Wer hat angerufen?“
„Bestimmt irgendso ein Heini vom Tagblatt, der uns mal wieder ein Zeitungsabo aufschwatzen möchte?“, schlug Dalli vor.
„Oder ein Mitarbeiter der Lottogesellschaft: „Sie haben eine Reise nach Westafrika gewonnen.“?“, riet Margot.

„Weder noch. Wobei ich zugeben muss, dass mir eure Ideen sehr gut gefallen“, Jochen ließ sich Zeit, die richtige Antwort zu geben. „Ratet noch ein Weilchen, während ich den Obstsalat hier genieße. Welche der drei holden Grazien hat ihn zubereitet?“
„Diesmal bin ich es gewesen.“, gestand Dalli, die sonst eigentlich selten in der Küche stand. Wozu auch? Kochen war nicht ihre Stärke, also überließ sie es lieber Margot oder Trine. Oma Jantzen war inzwischen schon zu alt, um sich täglich in der Küche aufzuhalten. Also teilten sich Dalli, Margot und Trine den Küchendienst, während Jochen, Ethelbert und Hein für die Stallarbeit zuständig waren.
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Kapitel 1

Beitragvon Andrea1984 » Do 23.Nov.2017 23:44

„Wo bleibt er denn solange?“, Dick blickte auf die Uhr.
„Wer? Der Weihnachtsmann oder der Osterhase?“
„Du bist ganz schön kindisch, wenn du in deinem Alter noch daran glaubst.“
„Dalli, lass deine Schwester in Ruhe.“, mischte sich Oma Jantzen, die strickend in einem Lehnstuhl saß, in das Gespräch ein. „Musst du nicht noch Hausaufgaben machen?“
„Die habe ich schon längst erledigt.“, winkte Dalli ab. „Nämlich in der Mittagspause in der Schule.“
„Und dabei vermutlich nur die Hälfte gemacht oder so hingekritzelt, dass der Lehrer sie nicht lesen kann.“
Dalli verzog das Gesicht, ballte die Hände zu Fäusten.
„So jetzt seid ihr wieder quitt. Schlimm genug, dass wir in den vergangenen Tagen immer wieder Ärger mit den Gästen gehabt haben, da müsst ihr euch nicht auch noch ständig streiten.“

„Ich bin ja schon still.“, meinte Dalli, ruhiger als es sonst ihre Art war.
„Jetzt kommt er. Na endlich. Ich werde gleich nach unten gehen und ihn fragen.“
„Bleib hier, Dalli. Oder hast du etwas im Garten zu erledigen?“
„Äh nein, aber …“
„Nichts aber.“
Dalli spürte, dass an diesem Tag mit Oma Jantzen nicht gut Kirschen essen war und verzichtete daher auf eine weitere Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag.

Dick kehrte zurück, brachte einen Stapel Briefe mit: „Zwei für Jochen, einer für dich Oma und ein paar Werbebriefe, bei denen uns wieder jemand etwas aufschwatzen will, da sie nur die Adresse, aber keinen Empfänger enthalten.“
„Nichts für dich dabei?“
„Nein. Und das schon zum zweiten Mal in dieser Woche. Ich glaube, Ralf hat eine andere gern.“
„So darfst du nicht denken.“, Oma Jantzen hob eine Masche ab, legte dann die Nadeln beiseite. „Er hat viel zu arbeiten und daher nicht jeden Tag Zeit, dir einen ausführlichen Brief zu schreiben.“
„Es kann ja auch nur ein kurzer Brief sein. Oder ein Telegramm, das ist billiger.“

Dalli hörte noch eine Weile zu und schlich sich dann heimlich davon. Was konnte sie denn dafür, dass Dick gar so schlecht gelaunt war? Absolut gar nichts. Aber warum musste ihre große Schwester ihre Launen immer an ihr auslassen. Dalli verstand manchmal die Welt nicht mehr. Da sie niemanden zum Reden hatte, ging sie hinüber zur Weide, wo die Pferde standen und dösten.
„Bestimmt seid ihr froh, nach den harten Wochen ein wenig Ruhe zu haben.“, meinte Dalli. Sie hatte es sich angewöhnt, mit den Pferden zu reden, als ob diese sie verstehen konnten.
An diesem Tag war es, für Ende August ungewöhnlich kühl. Die Pferde drängten sich aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen oder einfach nur Schutz zu suchen.

Dalli hob ihre Nase in die Luft. Es roch nach Heu, nach frischem Heu. Drüben auf der Wiese waren Hannes und Jochen dabei, das Heu einzufahren. Dalli schlenderte hinüber, fragte ob sie etwas helfen dürfte.
„Nein danke, wir sind schon fertig. Diesmal ist es nicht soviel Heu wie im letzten Jahr, das schaffen wir gerade noch zu zweit.“, Jochen nahm seine Pfeife aus der Brusttasche und sein Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete sich seine Pfeife an.
„Die hast du dir auch verdient.“, meinte Dalli stolz. Sie mochte ihren Schwager gerne. „Wo steckt Margot?“
„Am Vormittag habe ich sie zuletzt im Gemüsegarten gesehen. Da gibt es immer etwas zu tun.“
Jochen wandte sich an Hannes: „Kommst du alleine klar? Ich möchte ein wenig spazierengehen.“
Der Stallknecht, der kein Mann vieler Worte war, nickte, setzte sich auf den Heuwagen, nahm die Zügel der eingespannten Ponys auf und schnalzte mit der Zunge. Schon trabten die Tiere los.

„Siehst du wie bedeckt der Himmel ist? Es wird bald ein Gewitter geben.“
„Dann muss ich schnell heim. Wegen Oma.“
„Die braucht keine Angst zu haben. Der Immenhof hat doch einen Blitzableiter, sowohl beim Hauptgebäude, als auch bei den Ställen.“
„Ich weiß auch nicht, warum Oma gerade bei einem Gewitter fast durchdreht. Irgendetwas muss sie früher einmal erschreckt haben.“
„Oder sie hat einfach so Angst, ohne dass ein triftiger Grund dahintersteckt. Ich zum Beispiel fürchte mich vor Spinnen.“
„Die tun doch keinem was.“, Dalli konnte sich das nicht so ganz vorstellen, wie Jochen das meinte.
„Ich weiß. Trotzdem möchte ich nicht von einer gebissen werden. Das mit den Spinnen bleibt unter uns, hast du mich verstanden, junge Dame?“
„Geht klar. Ich schwöre es bei allen Ponys, die auf dem Immenhof leben. Apropos Ponys: Müssen wir wirklich im Herbst und im Winter einige hergeben, obwohl sie gerade erst entwöhnt worden sind?“
„Ja, leider. Ich weiß, der Abschied wird dir schwerfallen, doch das ist das Leben. Das Ponyhotel steht auf sehr wackeligen Beinen. Ich werde dieser Tage die Buchhaltung machen, doch ich habe dabei kein gutes Gefühl.“
Dalli zuckte mit den Schultern. Von Buchhaltung verstand sie zu wenig, um Jochen helfen zu können oder zu dürfen. Es würde schon alles recht werden. Gespart werden musste so oder so.

Besonders in der Zeit, in welcher immer wieder neue Gäste gekommen waren, hatte es oft nur das nötigste bei Tisch gegeben. Brote, bei denen die Butter abgestrichen worden war. Dünne Milch und vieles mehr. Die Gäste sollten schließlich keinen Mangel leiden. Viele davon hatten den Aufenthalt auf dem Immenhof in positiver Erinnerung behalten, wie zahlreiche Einträge in dem Gästebuch bewiesen und versprachen, auch im nächsten Jahr, so es ihre Gesundheit und ihre Zeit zulassen würden, wiederzukommen. Doch jetzt forderte wieder der Alltag seine gewohnten Rechte ein.

Dalli und Dick mussten zur Schule gehen, obwohl Dalli viel lieber auf dem Immenhof gearbeitet und die Gäste versorgt hätte. Ralf, Dicks Freund, war bei Dr. Westkamp in dessen Firma angestellt, was sich auf den ersten Blick durchaus positiv anhörte. Aber die Sache hatte einen Haken: Ralf musste einen beruflichen Lehrgang machen, um in der Firma, auch nach der Probezeit bleiben zu dürfen. Dieser Lehrgang dauerte 7 Monate und nahm soviel Zeit in Anspruch, dass nur wenig Freizeit blieb.

Während Dalli neben Jochen herging, dachte sie an Ethelbert, der ebenfalls vor einigen Tagen abgereist war. Zurück nach München, wo er in einem Internat zur Schule ging, da seine Eltern beruflich viel unterwegs waren und sich nicht um ihn kümmern konnten oder wollten. Ethelbert sollte, wenn alles gut ging, im nächsten Frühjahr sein Abitur ablegen. Auch er hatte nun weniger Zeit, mal ebenso auf dem Immenhof vorbeizukommen, zu schreiben oder auch nur anzurufen.
Dalli hoffte so sehr, dass sie Ethelbert noch in diesem Jahr wiedersehen durfte, aber das würde wohl schwer möglich sein.

Zurück auf dem Immenhof wurde Dalli gleich wieder zum Arbeiten eingeteilt, was ihr große Freude bereitete. Alles war besser als das doofe lernen. Mit den Pferden kannte sie sich gut aus und vieles was darüber hinausging, wie Physik oder Chemie würde sie in ihrem späteren Leben ja doch nicht brauchen können. Dalli lernte nur soviel, wie unerlässlich nötig war, um nicht sitzenbleiben zu müssen. Sie machte sich keinen großen Kopf darüber, weil ihr die Pferde wichtiger als die Schulnoten waren.

An diesem Tag erhielt Dalli Unterstützung im Pferdestall, von ihrem alten Kumpel Mans. Er wohnte in der Nähe und kam immer mal wieder, auch unangemeldet, auf dem Immenhof vorbei. Sei es, weil es soviel Arbeit gab oder weil ihm zuhause in der Schmiede als Einzelkind schnell langweilig war. Dalli vermochte es nicht festzustellen. Seite an Seite arbeitete sie mit Mans zusammen, bis Oma Jantzen zum Essen rief. Die Boxen waren frisch ausgemistet. Die Pferde konnten jederzeit geholt werden.
Solange das Wetter stabil war, blieben sie auf der Weide, auch nachts. Erst wenn es kalt wurde oder wenn es zu sehr stürmte, wurden sie in den Stall gebracht, wo sie es warm und sicher hatten.

Dalli fühlte sich auf dem Immenhof so wohl, wie ein Pferd auf der Weide. Sie kannte es nicht anders. An das Leben davor konnte sie sich nur vage erinnern, an die Flucht gar nicht. Nur an das, was sie aus Erzählungen wusste. Aber die Vergangenheit interessierte Dalli nicht. Sie blickte aber auch nicht übermäßig weit in die Zukunft, sondern lebte im Hier und im Jetzt, dachte maximal bis zum nächsten Tag voraus. Sie hatte alles, was sie brauchte: Ein Dach über dem Kopf, ein paar Mahlzeiten täglich, ihre Freunde, was wollte sie mehr. Und was ihr fehlte, nun daran konnte sie nichts ändern.

Nach dem Essen blieb Dalli noch ein wenig im Wohnzimmer bei Oma Jantzen, Jochen und Margot sitzen. Auch Hein, Jochens Freund hatte sich eingefunden. Dick hingegen ließ sich entschuldigen.
Oma Jantzen nahm wieder ihr Strickzeug zur Hand. Sie strickte gerne, viel und gut. Dalli hingegen zeigte in Handarbeiten eine miserable Leistung nach der anderen. Und schob die Schuld daran einfach ihren Eltern zu, die sie nie gekannt hatte. Angeblich war ihre Mutter auch nie besonders gut in dieser Fähigkeit gewesen. Heutzutage konnte man doch alles kaufen, was man früher mühsam mit den Händen angefertigt hatte, davon war Dalli überzeugt, auch wenn sie kaum offen darüber redete.

„Wird es nicht langsam Zeit für euch?“, wollte Oma Jantzen wissen.
„Zeit? Für was?“, erwiderte Jochen beinahe ein wenig zerstreut, da er an dem Tisch saß und einige Papiere vor sich liegen hatte.
„Für ein Kind oder vielleicht auch ein zweites.“
„Wir denken ab und zu schon daran.“, gab Margot zu.
„Vom Denken alleine kommen noch keine Kinder.“, feixte Dalli dazwischen.
„Na, wenn ich mir dich so anschaue, da finde es besser, keine Kinder zu haben. Man hätte dir öfter einmal die Kehrseite versohlen sollen.“, seufzte Jochen.
„Dafür ist es jetzt schon zu spät. Ich habe die Mädels einfach zu sehr verwöhnt.“
„Dick ist sehr vernünftig für ihr Alter.“, ergänzte Margot.
„Sie weiß auch genau, was sie später einmal machen möchte.“
„Hausfrau und Mutter sein, wie langweilig.“

„Brigitte, nun ist es genug! Entweder benimmst du dich oder du gehst auf dein Zimmer!“
Dalli senkte den Blick, murmelte etwas, dass wie „Entschuldigung.“ klang. Wenn sie einmal bei ihrem richtigen Namen Brigitte genannt wurde, war Feuer am Dach. Eigentlich hörte Dalli nicht darauf, ebensowenig wie kaum einer auf die Idee kam, Dick bei ihrem richtigen Namen Barbara zu nennen. Woher die Kosenamen, bei denen die Mädchen gerufen wurden, kamen, wusste niemand.

Dalli ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Auf der Kommode standen einige Photos nebeneinander: Opa Jantzen, der allerdings lange vor Dallis Zeit gestorben war und Angela, der ältesten Schwester von Dalli und Dick. Angelas zweiter Todestag jährte sich im November. Dalli konnte sich an diesen Tag noch gut erinnern. Sie war gerade von der Schule nach Hause gekommen, da hatte man ihr mitgeteilt, dass Angela an den Folgen einer Fehlgeburt verblutet war.
Dalli fröstelte bei dem Gedanken daran und versuchte daher, an etwas schönes zu denken.

„Wo ist Dr. Pudlich? Er kommt doch sonst fast jeden Abend vorbei?“, wollte Jochen wissen.
„Vermutlich im Dorfkrug. Oder in einer anderen Kneipe. Ich weiß es nicht.“
„Möchtest du, dass ich dir statt ihm das Wollknäuel aufwickle bzw. dir dabei helfe?“
„Das wäre sehr nett. Doch eigentlich hätte ich diese Hilfe eher von Dalli erwartet.“
„Ich habe doch zwei linke Hände. Das würde nur schiefgehen.“
„Seltsam: Bei Reiten und beim Stallausmisten sind deine Hände in Ordnung. Das ist wohl eine neue Form der Wunderheilung.“, Jochen legte den Bleistift und die Papiere beiseite. „Nun hilf deiner Oma schon. Oder hast du etwas besseres zu tun?“
„Äh nein.“, stammelte Dalli, die sich irgendwie ertappt fühlte und wie ein kleines Kind, welches von seinem Vater getadelt worden war, vorkam. Jochen hätte, rein altersmäßig gesehen, durchaus Dicks und ihr Vater sein können.

So rückte Dalli hinüber und hielt das Wollknäuel fest, das Oma Jantzen sorgfältig aufwickelte. Es war eine mühsehlige Arbeit. Dalli gähnte, hätte sich gerne die Hand vor den Mund gehalten, aber das ging nicht. Jochen las in der Zeitung, Margot in einem spannenden Roman, den sie aus der Bücherei ausgeliehen hatte, wie eine Markierung auf dem Buchrücken bewies. Die Standuhr tickte laut.
Erst kurz vor 22.00 Uhr durfte Dalli das Wollknäuel beiseite legen und zu Bett gehen.

Am nächsten Morgen war alles anders als am Vortag. Dicks Laune schien sich zu bessern, nach dem ein Brief eingetroffen war, der unverkennbar Ralfs Handschrift trug. Eine der Mutterstuten brachte ein gesundes Fohlen zur Welt und Dalli durfte bei der Geburt dabei sein, was alles andere als selbstverständlich war, da eigentlich die Schule an erster Stelle stand oder stehen sollte. Doch das Fohlen kam so früh am Tag zur Welt, dass Dalli sogar noch einen Kaffee trinken und sich dann auf den Weg zur Schule machte, ohne dabei übermäßig viel Zeit zu verlieren oder zu spät zu kommen.

„Ist der Brief wirklich von Ralf?“
„Ja, du neugierige Nase. Doch ich werde ihn erst heute Nachmittag lesen können.“
„Ein dünner Brief. Da steht bestimmt nicht allzuviel drinnen.“, Dalli konnte es einfach nicht lassen, ihre Schwester zu necken. Seite an Seite gingen die beiden zur Schule, bei jedem Wind und Wetter. Einen Schulbus gab es zwar, aber der kostete Geld. Und die Pferdekutsche wurde, zumindest für die Fahrt zur Schule nicht genützt, da Oma Jantzen dies für überflüssigen Luxus hielt und meinte, man solle die Mädchen nicht zu sehr verwöhnen. Abhärtung sei das beste Mittel gegen allzuviel Verwöhnen.
„Mir macht das nichts aus.“, Dick errötete, obwohl es an diesem Tag warm war. „Ich sehne mich so nach Ralf.“
„Dich hat’s ganz schön erwischt, wie?“
„Du bist doch so jung und weisst nicht, wie das ist, wenn man sich verliebt. Oder?“
Dalli wollte gerade etwas darauf erwidern, doch sie waren bereits bei der Schule angelangt.

Erst am späten Nachmittag trafen sich Dalli und Dick wieder. Sie gingen in unterschiedliche Klassen und hatten daher andere Freunde und Freundinnen. Mans war zwei Klassen über Dick und drei Klassen über Dalli. Auch er sollte, genau wie Ethelbert, in diesem Schuljahr sein Abitur ablegen.
Dalli konnte damit nichts anfangen. Sie wollte eigentlich das Abitur nicht machen, doch was blieb ihr anderes übrig. Vorläufig genoss sie das Leben, soweit sich ihr die Möglichkeiten dazu anboten.

Beim Essen verkündete Oma Jantzen eine Neuigkeit, die Dalli für einen Moment sprachlos machte.
„Pankraz lädt euch am kommenden Wochenende nach Eltville auf sein Weingut ein. Er braucht Leute bei der Weinlese und da hat er an euch gedacht.“
„Das finde ich prima. Menschenskind.“, Dick schien sich darüber zu freuen. „Darf ich es Ralf erzählen oder vielmehr schreiben?“
„Von mir aus. Ich denke nicht, dass es so ein Geheimnis ist, dass ihr dort eingeladen seid.
Dalli ließ ihrer Freunde freien Lauf, ganz anders als die „feine Dame“, Dick.
„Benehmt euch anständig und macht eurer Oma keine Schande.“, meinte Jochen dazu nur.
„Oh ganz bestimmt. Ich werde mein bestes geben.“, versicherte Dick. „Für Dalli hingegen lege ich meine Hände nicht ins Feuer.“
„Wenn ihr wollt, helfe ich euch beim Kofferpacken. Besonders die Mitbringsel dürft ihr nicht vergessen.“

Dalli nahm das Angebot von Margot gerne an. In ihr sah sie weniger eine Mutter, sondern eher eine gute Freundin, wenngleich Margot einige Jahre älter und schon verheiratet war.
„Viel Zeit zum Spielen werdet ihr dort nicht haben.“
„Das ist mir schon klar.“, antwortete Dick. „Schließlich bin ich doch schon fast 17 und erwachsen.“
„Leider noch nicht. Volljährig ist man erst mit 21, das steht so im Gesetz.“
„Ich wäre schon gerne erwachsen, dann könnte ich endlich Ralf heiraten.“
„Die Zeit vergeht so schnell, du wirst schon sehen.“

Nach dem Essen setzte sich Dalli nur widerwillig an den Schreibtisch, um ihre Hausaufgaben zu machen. Dann beschäftigte sie sich mit den Ponys und erst zuletzt kam die Frage nach dem Kofferpacken auf. Bis zum Wochenende waren es nur noch wenige Tage, die schnell verflogen.
Bereits am Freitag zu Mittag, nach der Schule, reisten Dalli und Dick ab. Aus Kostengründen mit der Bahn, da alles andere zu teuer war. Vom Auto stoppen rieten Oma Jantzen und Jochen ab.

Dalli wusste natürlich, wer Pankraz war: Margots Vater, ein Weingutsbesitzer. Der viel Geld hatte oder zumindest vorgab, viel Geld zu haben. Sonst hätte er damals den Immenhof nicht als Hochzeitsgeschenk für seine Tochter Margot kaufen können. Dalli ging mit dem viele Jahre älteren Mann um, als ob er ihr Opa wäre, gab schlagfertige Antworten und dergleichen mehr. Dennoch erwies sie ihm den Respekt, der dem alten Mann zustand.

In Eltville wurden Dalli und Dick von Pankraz persönlich abgeholt. Er führte die Mädchen hinüber zu seinem Wagen, der auf dem Parkplatz stand und meinte, zu Fuß wäre der Weg zu weit.
„Wir sind jung und können durchaus zu Fuß gehen.“, bot Dick an.
„Ihr würdet euch nur verlaufen. Nur Mut, vertraut mir. Ich tue euch nichts böses.“
Dick, als die ältere der beiden durfte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, während Dalli sich mit dem Platz auf der Rückbank zufrieden geben musste. Neugierig blickte sich das Mädchen um.

Weinberge, überall. Gehörten die alle etwa Pankraz? Dalli klappte der Mund nach unten.
„Mach deinen Mund zu, sonst kommt noch eine Fliege hinein. Oder hast du etwa Hunger?“
„Oh, wir haben schon auf dem Immenhof zu Mittag gegessen und einen Imbiss unterwegs.“
„Dann ist ja gut. Bis zum Abendessen gibt es nämlich nichts mehr, nur Wasser und Brot.“
„Musst du mich so erschrecken?“, Dick fasste sich an ihr Herz.
„Ihr seid doch zum Arbeiten gekommen und nicht dazu, auf der faulen Haut zu liegen.“
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“, Dalli beobachtete, wie Dick sich zu ihr umdrehte.
„Ich kann durchaus etwas arbeiten. Frag doch Margot oder Jochen, wenn du mir nicht glaubst.“
„So wir sind gleich da. Lasst eure Koffer nur im Wagen, die werden schon untergebracht.“

Eine Frau trat aus einer der Türen, ging auf den Wagen zu. Dalli spitzte die Ohren, gab gut acht, als Pakraz nun die Vorstellung übernahm. Dalli knickste, wie sie es von Oma Jantzen gelernt hatte.
„Zwei reizende junge Damen. Darf ich da überhaupt noch „du“ sagen?“
Dalli erlaubte es nur zu gerne. Dick schloss sich ihr an.
„Dann könnt ihr mich auch duzen. Ich bin Erika, die Köchin hier. Bei mir verhungert ihr nicht. Heute Abend gibt es etwas ganz besonders. Aber nun lauft. Herr Hallgarten wartet schon auf euch.“
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Kapitel 2

Beitragvon Andrea1984 » Mo 11.Dez.2017 23:46

„Wir haben Oma Jantzen versprochen, dass wir uns bei ihr melden, sobald wir heil und sicher in Eltville angekommen sind.“, Dick trat von einem Fuß auf den anderen, als ob sie auf Toilette müsste und nicht dürfte.
„Telephonisch meinst du? Da muss ich erst Herrn Hallgarten fragen, ob das möglich ist.“
„Wir …“; begann Dick, aber Dalli unterbrach sie.
„Warum redest du immer von „wir“? Du hast es Oma Jantzen versprochen, weil sie mit dir darüber geredet hat. Mich nimmt sie ja offenbar nicht für voll, sonst hätte sie mich auch eingeweiht. Also: Wenn du es tun sollst, dann mach’s doch einfach. Wo ist das Problem?“
„Du bist hier nicht zuhause.“, Dick seufzte leise. Dalli konnte es trotzdem hören.
Unauffällig wie möglich ließ sie den Blick umherschweifen, damit ihr nur ja kein Detail entging.

Das Haus war groß, sehr groß sogar. Beinahe schon eine Villa. Dalli kannte sich zu wenig aus, um den Unterschied zwischen einem Haus und einer Villa zu kennen. Fast in jedem der drei Stockwerke stand einer der grüngestrichenen Fensterläden weit offen. Irgendwo roch es entweder nach Schokolade oder nach Kaffee, da war sich Dalli nicht ganz sicher. Vor dem Eingang standen einige Obstbäume mit überreifen Früchten, die offenbar darauf warteten geerntet und gegessen oder zu Marmelade verarbeitet zu werden.
„Kommt herein. Herr Hallgarten hat es erlaubt. Ich zeige euch den Weg.“, meinte die Köchin freundlich, zumindest klang es für Dallis Ohren so, öffnete die Türe, aus der sie vorhin gekommen war. „Das Haus ist groß, da kann man sich schnell verlaufen. Mir ist es am Anfang oft so ergangen, dass ich die einzelnen Räume miteinander verwechselt habe, obwohl sie doch seit Jahrzehnten ihre Funktionen nicht gewechselt haben.“

Erika beschleunigte ihr Tempo, Dick eilte ihr hinterher, durch einen langen Korridor, dann eine Treppe hinauf, wieder einen langen Korridor entlang. Dalli verstand nur Bahnhof. Warum hatten es die beiden auf einmal so eilig? Lag es daran, dass sie Pankraz nicht länger warten lassen wollten?
Endlich blieb Erika stehen. Dick hielt sich die Seiten, als ob sie Schmerzen hätte. Dalli atmete schnell.
„Bitte sehr, tritt nur ein. Das ist eines der Arbeitszimmer, wo sich ein Telephon befindet. Es steht auf dem dunkelbraunen Schreibtisch, direkt der Türe gegenüber. Die Nummer weißt du?“
„Selbstverständlich.“, Dick kramte einen Zettel aus ihrer Handtasche, die über dem rechten Unterarm trug. „Dann will ich hoffen, dass ich Oma Jantzen nicht gerade während ihres Mittagsschlafes störe.“
Während Dick das versprochene Telephonat führte, stand Dalli daneben und hörte zu oder tat zumindest so als ob. Sie langweilte sich, wollte endlich hinaus in die Weinberge gehen.

„Ja uns geht es gut. Wirklich.“, versicherte Dick. „Der Zug ist gut angekommen. Bei euch ist auch alles in Ordnung. Das freut mich. Mach dir keine Sorgen, Oma. Wir sehen uns ja bald wieder. Liebe Grüße an Jochen, Margot, Hein und Mans. Ralf und Ethelbert würde ich auch gerne grüßen lassen, aber die sind zu weit weg.“
Dick legte den Hörer auf die Gabel zurück. Ihr Gesicht hatte eine rötliche Färbung angenommen.
„Das Gespräch ist bestimmt sehr teuer gewesen.“
„Herr Hallgarten wird es schon verschmerzen. Er hat ja genug Geld.“
„Trotzdem habe ich irgendwie ein schlechtes Gewissen, einfach so ein Telephonat zu führen.“
„Was bleibt dir anderes übrig?“, antwortete Erika sachlich. „Ein Telegramm aufzugeben würde zu lange dauern. Und billiger ist es keineswegs, seit die Post die Gebühren wieder einmal erhöht hat.“

Eine Viertelstunde später hielten sich Dalli und Dick gemeinsam mit Pankraz in einem der Weinberge auf.
„Nehmt einfach die Trauben und legt sie dann in die Schubkarre hier. Wenn diese voll ist, bringt ihr sie hinüber zu dem Lastwagen, der am oberen Ende des Weinberges steht.“
„Gut, dass wird gemacht.“
„Dürfen wir auch ein paar Trauben naschen?“, wollte Dalli begierig wissen. Bei dem Anblick der saftigen Früchte lief ihr das Wasser im Mund zusammen.
„Nur zu. Es sind ja reichlich vorhanden, wie ihr sehen könnt.“
„Doch wenn Dalli alle Trauben nascht, bleibt ja für die Weiterverarbeitung nichts mehr übrig.“, wandte Dick ein, beinahe etwas besorgt.
„Es sind genügend Rebstöcke vorhanden. Fast alle Weinberge sind schon abgeerntet. Jetzt kommt dieser hier an die Reihe. Eigentlich hätte ich dafür bereits zwei Erntehelfer aus der hiesigen Gegend verpflichtet, aber sie haben mir beide abgesagt. Zuerst habe ich nicht gewusst, was ich tun soll. Aber dann habe ich mit Ethelbert ausführlich telephoniert und er hat, irgendwann im Laufe des Gesprächs gemeint, die Arbeit hier wäre doch auch etwas für euch.“
„Da er schon recht. Ich muss mich bei ihm bedanken, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.“
„Das sagst du doch nur aus reiner Höflichkeit.“, stichelte Dalli.
„Und wenn es so wäre. Ein bisschen mehr davon könnte dir auch nicht schaden.“
„Ich lasse euch dann mal alleine, da ich im Büro etwas zu tun habe. Das Einstecken der Trauben in die Tasche würde ich euch nicht raten, davon werden die Früchte nur zerquetscht, was doch schade wäre. Bill, der Fahrer des Lastwagens hat ein Auge auf euch. Macht mir bloß keine Schande.“

Dick arbeitete sorgfältig, nahm jede Traube herunter, prüfte sie und gab sie erst dann in die Schubkarre. Dalli konnte es nicht lassen, ab und an eine Traube zu naschen. Mal schmeckte eine Traube süß, dann wieder etwas herb. Nach langer Arbeit war die Schubkarre voll. Seite an Seite schoben Dalli und Dick sie den Weinberg hinauf, wo schon Bill mit dem Lastwagen wartete.
Wie schon bei Erika, meinte auch Bill man könne ihn ruhig duzen, er sei ja noch nicht so alt. Außerdem sei das „du“ hier einfach üblich. Dalli nahm das Angebot gerne an. Sie dutzte ja auch fast jeden, mit Ausnahme der Lehrer in der Schule und des Pastors im Dorf. Dick hingegen sah zuerst ein wenig skeptisch drein, fügte sich jedoch, weil sie, so vermutete es Dalli, keinen Ärger haben wollte.

„Ihr seid ja ganz schön fleißig gewesen. Pankraz wird eine wahre Freuden an euch haben. Morgen ist nur noch der andere Weinberg dran, dann ist die Weinlese beendet. Wenn ihr wollt, könnt ihr bei der Weinverarbeitung zusehen oder vielleicht auch selbst mithelfen, je nach dem, was an Arbeit anliegt.“
Vorsichtig nahm Bill ein paar der Weintrauben aus der Schubkarre, hielt sie prüfend in der Hand.
„Alles in Ordnung. So, nun packt mit an, damit die Trauben auch sicher unten im Tal ankommen.“
„Warum müssen die Trauben mit der Hand geerntet werden?“, wollte Dalli wissen, als sie zwischen Bill und Dick im Lastwagen saß. „Onkel Pankraz hat doch viel Geld, so dass er sich bestimmt eine Maschine leisten kann, mit der das Ernten schneller geht.“
„So etwas fragt man doch nicht.“, meinte Dick, wandte sich dann an Bill. „Du musst meine Schwester entschuldigen. Sie ist ab und an etwas vorlaut.“
„Oh, das kenne ich gut. Ich habe selbst drei Schwestern und weiß daher, wie das ist.“
Für den Rest der Fahrt sprach Dalli nichts mit Dick, starrte nach vorne aus dem Fenster.

Auch beim Abladen der Trauben durften Dalli und Dick mithelfen. So hatten es Pankraz und Oma Jantzen vereinbart, wie Dalli von Dick erfuhr. Allmählich ging die Sonne unter, tauchte den Himmel in ein goldenes Licht. Dalli, die nur eine kurzärmelige Bluse trug, fröstelte. Hoffentlich gab das keine Erkältung. Wenn die Sonne unterging, war es eben nicht mehr so warm wie noch im Hochsommer.
„Sehen wir uns beim Abendessen?“
„Ich fürchte nicht.“, antwortete Bill auf Dicks Frage hin, wischte sich seine Hände an der schmutzigen Jeanshose ab. „Pankraz speist mit den Gästen, also euch im Speisezimmer, während das Personal in der Küche bleibt.“
„Das finde ich aber schade.“
„Was soll man tun. Ich habe mich daran gewöhnt.“, Bill zuckte mit den Schultern. Dann ging er, bei der Küchentüre, wie Dalli vermutete, ins Haus.

„Ich wusste gar nicht, dass Onkel Pankraz solche Standesdünkel hat.“, murmelte Dalli.
„Sei still. Das geht uns kaum etwas an. Wir sind doch auch nur Gäste hier oder hast du das vergessen? Er wird schon wissen, warum er sich Bill und Erika und wer weiß wievielen anderen Leuten gegenüber noch so verhält. Vielleicht weil er es selbst nicht anders kennt.“
„Wo sind wir untergebracht?“, wechselte Dalli das Thema.
„Das weiß ich nicht. Doch wir werden es schon erfahren.“

Wie durch Zauberhand öffnete sich die Haustüre. Pankraz stand davor.
„Da seid ihr ja. Ist alles gut gegangen? Ich führe euch jetzt zu eurem Zimmer, das sich im zweiten Stock befindet. Dort habt ihr eine gute Aussicht auf die Weinberge, ihr werdet schon sehen.“
„Wo ist das Speisezimmer?“
„Im ersten Stock. Geht einfach nur dem Geruch nach.“, scherzte Pankraz, der an diesem Tag guter Laune war. „Die Türe wird weit offen stehen, ihr könnt also auch sehen, was euch erwartet.“
„Wir waschen uns nur noch schnell die Hände.“, versicherte Dick.
„In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Was mögt ihr trinken?“
„Ein Glas Wasser bitte.“
Dalli entschied sich für einen Traubensaft. Wo sie doch schon hier war, so konnte sie ihn auch gleich versuchen. Wasser trank sie doch zuhause jeden Tag. Irgendwann schmeckte es ihr nicht mehr.
„Ist gut, ich gebe Erika Bescheid. Deinen Traubensaft werde ich dir auch mit Wasser gespritzt servieren lassen. Ohnedies wäre er zu süß und würde dir schwer im Magen liegen.“
Dalli stammelte etwas, dass nach „Danke, das wäre nicht nötig gewesen.“, klang.
Gehorsam trottete sie hinter Dick die Treppe nach oben, in das Gästezimmer. Auch hier waren die Möbel, wie im Arbeitszimmer, dunkel. Schwere Vorhänge ließen beinahe kein Licht herein. Jemand hatte das Gepäck gebracht und es auf einen der kleinen Seitentische gestellt.
„Hier gefällt es mir recht gut.“, Dalli zog ihre Schuhe aus und ließ sich auf das Bett fallen.
„Komm, albere nicht herum. Du bist manchmal einfach unmöglich.“
„Dafür habe ich ja dich, damit du mir die Hammelbeine langziehst.“, gab Dalli Kontra. Im Laufe der Jahre hatte sie schnell gelernt, wann sie Dick widersprechen durfte und wann sie einlenken musste.
„Meinst du nicht auch, dass wir uns umkleiden sollen, bevor wir zu Tisch gehen? Unsere Klamotten sind ganz verschwitzt und staubig.“
„Wenn du willst, dann kleide ich mich um. Wie gut, dass ich eine andere Bluse und eine zweite Hose mitgenommen habe.“
„Es ist nicht für mich. Wie oft muss ich dir das noch erklären. Man setzt sich nicht einfach in dreckigen Klamotten zu Tisch. Das solltest du doch eigentlich wissen. Oma sagt es dir immer wieder.“
„Sie ist aber nicht da.“, Dalli öffnete den Koffer, nahm frische Kleidung heraus.
„So und nun hänge die gebrauchte Kleidung über die Lehne des Stuhls hier. Das ist doch ganz einfach.“
„Was würde aus mir werden, wenn ich dich nicht hätte.“
„Ewig kann ich mich nicht um dich kümmern, das ist dir doch hoffentlich klar.“, sagte Dick, die vor einem Spiegel stand und damit beschäftigt war, ihre kurzen Locken zu bürsten.
„Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Wer weiß schon, was morgen sein wird.“

Auf Bitten von Dick kämmte sich auch Dalli die Haare, was bei den dichten, langen Locken gar nicht so einfach war, da sich einzelnen Strähnen immer wieder im Kamm verhakten.
„Vielleicht solltest du doch die Bürste nehmen.“, schlug Dick vor.
„Da hängen alle deine Haare dran. Das ist doch ekelig.“
„Die Bürste kannst du ja putzen, in dem du einfach das Toilettenpapier nimmst und damit die Haare entfernst.“
„Glaubst du denn, mich ekelt es vor gar nichts?“, Dalli schüttelte sich wie ein Pony im Regen.
„Stell dich nicht so an, das ist doch ganz einfach. Ich mach es dir vor.“

Dalli sah zu und dachte sich ihren Teil. Warum war Dick bisweilen so altmodisch? Dalli kam nicht dazu, sich weiter mit diesem Thema zu befassen, da ein lauter Gong zu hören war.
„Das ist das Zeichen: Wir sollen zu Tisch gehen. Pankraz hat mir das vorhin so erklärt.“
Dalli rollte die Augen, was soviel bedeutete wie: „Warum reden alle Erwachsenen nur mit dir und nicht mit mir? Ich bin doch auch da.“
Dick schien diesen Blick nicht zu verstehen oder darauf nicht eingehen zu wollen.

„Warte, bis ich den Raum verlassen habe.“
„Wieso das?“
„Na, weil ich doch älter als du bin. Die ältere Person geht immer voraus, sei es beim Betreten eines Raumes oder beim Verlassen.“
„Das ist eine Sitte, die sicher noch aus dem Mittelalter stammt.“
„Und wenn, ich halte mich daran, so wie es uns Oma beigebracht hat.“
„Dann gratuliere ich Ralf schon jetzt.“
„Wieso?“, wunderte sich Dick, als sie bereits auf dem Flur stand und Dalli heraustrat.
„Weil er eine vollkommene Hausfrau und Mutter bekommt, die alle Sitten tadellos beherrscht.“
„Mach dich nur lustig über mich.“
„Heute bist du wieder schlecht gelaunt. Was ist los? Liegt es an mir? An mich und meine fehlenden Manieren müsstest du dich eigentlich schon gewöhnt haben?“
„Das ist es nicht oder eigentlich nicht nur. Vielleicht erzähle ich es dir später. Bei Tisch redet man nicht darüber. So und jetzt benimm dich. Sonst kannst du zum Bahnhof gehen und mit dem Nachtzug zurückfahren, ist dir das klar?“

Bei Tisch ließ sich Dalli nach außen hin nichts anmerken, wie sehr sie unter Dicks Worten litt. Hatte Dick das Recht darauf, sie immer wieder zu ermahnen und maßzuregeln, obwohl oder gerade weil sie kaum älter war? In erster Linie waren doch die Eltern für die Erziehung zuständig. Gab es keine, dann oblag diese Pflicht wohl den Großeltern, in diesem Fall genauer nur Oma, da Opa gestorben war.
Der Traubensaft schmeckt lecker, wie Pankraz es versprochen hatte. Dalli trank ihn nur langsam, weil sie nicht wusste, ob sie darum bitten durfte, dass ihr Glas ein weiteres Mal gefüllt werden sollte.
Dick nippte an ihrem Wasser, probierte von dem Essen nur ein paar Höflichkeitsbissen.
„Was ist mit dir? Schmeckt es dir nicht? Erika hat sich große Mühe gegeben.“
„Es ist in Ordnung. Wirklich. Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet.“, Dick atmete tief ein.
„Selbstverständlich. Soll ich das Essen zurückstellen lassen? Vielleicht hast du ja später Hunger?“
„Wenn Dalli will, kann sie meine Portion haben.“, Dick legte das Besteck und die Serviette beiseite.
„Nun ja, es ist deine Entscheidung, da möchte ich dir nichts dreinreden.“, Pankraz hob sein Glas, in dem sich, wie beinahe selbstverständlich, Wein befand. Ein Rotwein, das konnte Dalli erkennen.
„Ich erlaube dir gerne, dass du dich zurückziehst. Aber zuvor möchte dir und deiner Schwester für die großzügige Hilfe danken. Auf euch.“
„Das ist doch selbstverständlich. Ich helfe gerne, wo ich kann.“, Dick machte Anstalten den Tisch zu verlassen. Pankraz erhob sich leicht. „Hab eine Gute Nacht. Ich gehe auf mein Zimmer äh das Gästezimmer.“
„Gute Nacht.“, antwortete Pankraz, stellte das Glas wieder auf den Tisch zurück, wartete bis Dick das Speisezimmer verlassen hatte. „Iss nur Kind, sonst wird die Suppe noch kalt.“
Dalli ließ sich das nicht zweimal sagen. So eine gute Suppe gab es nämlich nicht alle Tage.

„Verstehst du, was deine Schwester hat?“
„Das weiß ich auch nicht: Wenn die Leute erwachsen sind, dann werden sie komisch.“
„Ich bin auch erwachsen, genau wie Dick.“
„Das ist doch was ganz anderes. Ich glaube, Dick kann sich manchmal selbst nicht leiden.“
Dalli plauderte ungezwungen mit Pankraz, als ob sie ihr Lebtag lang nichts anderes getan hatte. Sie brachte sogar den Vorschlag auf das Tapet, nach dem Essen eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen. Oder besaß Pankraz das Spiel etwa nicht?
„Ja, das können wir machen. Allerdings nur eine Partie, sonst wird es zu spät für dich.“, versicherte Pankraz beinahe nachdrücklich, während Erika die Suppenteller abräumte und eine Küchenhilfe den nächsten Gang, nämlich Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse brachte.
„Das Gemüse stammt aus meinem eigenen Garten.“
„Ich habe da gar nicht so genau hingesehen.“
„Morgen ist ja auch noch ein Tag. Du hast ja reichlich Zeit, dir alles anzusehen. Es eilt ja nicht.“

Dalli bedankte sich bei Pankraz für das gute Essen.
„Oh, der Dank gebührt nicht mir, sondern Erika. Ich werde es ihr gerne ausrichten.“
„Hast du denn keine Frau?“, wollte Dalli neugierig wissen. Sie hatte es, damals, bei Jochens und Margots Hochzeit seltsam gefunden, dass zwar viele Gäste dabei gewesen waren, aber die Mutter der Braut offensichtlich gefehlt hatte. Oder Dalli hatte die betreffende Dame einfach nicht erkannt.
„Das ist eigentlich eine sehr private Frage.“
„Wir sind doch unter uns. Oder hast du Angst, dass ich es Dick weitererzähle?“
Pankraz klapperte mit dem Besteck. Dalli wusste, von Oma Jantzen her, was diese Geste zu bedeuten hatte. Eine derart private Frage war hier tabu.
„Ich möchte mich entschuldigen.“, stammelte Dalli, kramte ihre Manieren heraus.
„Friss und sei ruhig.“, brummelte Pankraz in seinen Schnauzbart. „Du bist nicht die erste, welche mir diese Frage stellt. Aber bisher hat niemand eine Antwort darauf erhalten. Wenn du noch etwas Gemüse oder Kartoffeln oder Fleisch haben möchtest, dann bediene einfach die Klingel hier, die vor uns auf dem Tisch steht. Erika wird dann kommen und dir noch etwas bringen. Du brauchst mit dem Essen nicht sparen.“

Dalli genoss das gute Essen, als ob sie seit drei Tagen nichts mehr bekommen hätte.
„Wie ist das mit dem Traubensaft? Mein Glas ist fast leer.“
„Da kannst du dir gerne selbst etwas einschenken. Die Karaffen mit Wasser und Traubensaft stehen direkt neben dir auf dem Beistelltisch. Allerdings möchte ich dich warnen: Der Traubensaft hat eine durchschlagende Wirkung.“
Dalli lachte, bedankte sich für das Angebot und schenkte sich das leere Glas noch einmal voll. Was konnte ihr schon geschehen? Der Traubensaft schmeckte einfach zu lecker. Diesmal etwas herb, da sie fast zuviel von der Frucht und zu wenig von dem Wasser erwischt hatte.

„Was gibt es neues in Malente?“, wollte Pankraz wissen. „Margot ruft nur selten bei mir an.“
„Sie hat einfach zuviel Arbeit. Bis vor wenigen Wochen ist ja das Ponyhotel noch geöffnet gewesen, da haben Margot, Dick und ich ordentlich anpacken müssen. Da bleibt nur wenig Zeit, um mal in Ruhe ein Stündchen oder zwei miteinander zu plaudern. Die Gäste haben uns fast die Türen eingerannt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“, plapperte Dalli munter drauflos. Sie genoss es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und nicht immer nur im Schatten von Dick oder Oma Jantzen zu stehen.
„Wenn ihr wollt, dann komme ich auch mal wieder bei euch vorbei.“
„An einem Bett soll es nicht scheitern. Im Winter stehen fast alle Zimmer leer.“, Dalli tunkte das Fleisch in die Soße, spießte es auf die Gabel, schluckte den Bissen hastig hinunter. „Und ich muss wieder in die Schule gehen. Das mag ich gar nicht. Aber Oma sagt immerzu , es muss nun mal sein.“
"Walzer .... Walzer hätt' ich auch gekonnt."
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Kapitel 3

Beitragvon Andrea1984 » Do 04.Jan.2018 23:42

„Geht’s ihr gut?“, erkundigte sich Pankraz, wobei Dalli nicht genau feststellen konnte, ob er es aus Höflichkeit oder aus wahrem Interesse fragte. „Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen.“
„An ihr liegt das nicht.“, antwortete Dalli, die direkte Frage nicht beantwortend. „Ich hab dich im Sommer ganz doll vermisst. Wo warst du?“
„Beruflich unterwegs. Ich habe viel zu tun und daher die Verwaltung auf dem Gut, für die Dauer meiner Abwesenheit, an Erika übertragen.“
„Oma hat auch immer viel zu tun.“
„Das stimmt, aber sie verdient kein Geld dabei oder nicht nur sie alleine.“
Dalli zögerte. Durfte sie darüber reden, was mit den Einnahmen, welche durch die Gäste ins Ponyhotel kamen, geschah? Oder gehörte sich das eher nicht? In diesem Moment wünscht sich Dalli ihre Schwester herbei, die hätte ihr bestimmt aus dieser Zwickmühle geholfen.
„Oma geht’s prima. Fast so gut wie den Ponys auf der Weide.“
„Das höre ich gerne.“, Pankraz legte das Besteck beiseite. Dalli wusste, was das bedeutete: Die Mahlzeit war beendet. Außer es gab noch einen Nachtisch, worauf Dalli eigentlich hoffte.

Pankraz stand auf: „Lass uns nach nebenan gehen. Hier ist es zu steif, um gemütlich spielen zu können.“
Im Hinausgehen schaffte es Dalli einen Blick zu den Bildern, die an der Wand hingen zu werfen. Jeder der Bilder zeigte Obstsorten, allerdings in unterschiedlichen Farben, Formen und Größen. Das erste Bild zeigte eine Pflaume, das zweite stellte zwei Äpfel dar, das dritte drei Birnen. Auf dem vierten Bild waren vier Orangen zu sehen. Es sah aus, als wären die Bilder mit der Hand gestickt worden. Dalli nahm sich vor, bei passender Gelegenheit, Pankraz danach zu fragen, wer diese Bilder gestickt hatte.

Doch an diesem Abend hatte Dalli keine Chance. Sie musste sie sich auf das Spiel konzentrieren, dass sie selbst vorgeschlagen hatte. Pankraz spielte gut. Er würde sie wohl nicht so einfach wie damals vor gut einem Jahr auf dem Immenhof, einfach so gewinnen lassen. Dalli gab ihr bestes, aber sie verlor.
„Machen wir noch eine zweite Partie?“
„Nein. Für heute ist es genug. Du sollst jetzt ins Bett gehen, es ist schon spät. Und du willst doch morgen bei der Weinlese ausgeruht sein.“
„Also gut.“, Dalli fügte sich, obwohl es ihr schwerfiel. „Gute Nacht.“
Sie beugte sich vor und gab Pankraz einen Kuss auf die Wange.
„Es ist schon lange her, dass mich eine junge Dame so nett geküsst hat.“
„Wie jetzt? Bin ich ein Kind oder eine junge Dame?“, Dalli schmunzelte.
„Nicht mehr Fisch und noch nicht Fleisch. Ein Backfisch eben.“, behielt Pankraz das letzte Wort.

Leise wie ein Indianer schlich Dalli nach oben, um Dick, die vermutlich schon schlief, nicht aufzuwecken. An diesem Abend vergaß Dalli darauf, sich die Zähne zu putzen. Wer sollte ihr daraus einen Strick drehen? Dann würde sie eben morgen die Zähne umso gründlicher reinigen.
Beinahe lautlos kleidete sich Dalli um, stieg in das hohe Bett und zog die Bettdecke ganz fest nach oben. Ein Fenster, durch das ein Windstoß hereindrang, stand offen. Dalli hatte sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, bei jeder Witterung das Fenster geöffnet zu lassen. Infolgedessen war sie, genau wie Dick, die in diesem Moment leise schnarchte, abgehärtet, dass sie kaum noch krank wurde.

Am nächsten Morgen war Dick immer noch „unpässlich“, wie sie es nannte. Dalli stellte keine weiteren Fragen hierzu, wunderte sich aber doch: „Onkel Pankraz rechnet fest damit, dass wir beide arbeiten.“
„Ich kann nicht. Es tut mir leid.“, noch etwas verschlafen rieb sich Dick die dunklen Locken.
„Was soll ich Onkel Pankraz sagen?“
„Gar nichts. Das kläre ich selbst mit ihm. Ausnahmsweise lasse ich dir sogar den Vortritt im Bad.“

Dalli nahm das Angebot gerne an, erledigte ihre Morgentoilette und war nach dem Frühstück in den Weinbergen unterwegs. Alleine oder zumindest solange bis entweder Bill oder Erika kommen und die geernteten Weintrauben mitnehmen wollte. Der Himmel war bewölkt. Es sah nach Regen aus. Dalli schickte ein Stoßgebet nach oben, es möge trocken bleiben, bis die Ernte vorbei war. Gegen Mittag wurden die Wolken dichter. Gerade als Dalli die Weintrauben auf den Lastwagen kippte, prasselten die ersten Regentropfen nieder.
„Da haben wir großes Glück gehabt.“
„Das kannst du laut sagen.“, Bill redete nur wenig, weil er, so vermutete es Dalli, sich auf das Fahren konzentrieren musste. Oder hatte er andere Dinge zu tun, als sich mit ihr zu unterhalten?
Dalli machte sich keine großen Gedanken darüber, es würde schon alles recht werden, irgendwie.

Auch beim Mittagessen fehlte Dick. Dalli wunderte sich darüber, stellte jedoch keine Fragen.
„Ich fordere dich zu einer weiteren Partie heraus. Weil ich doch gestern verloren habe.“
„Das Angebot ehrt mich, aber ich kann es leider nicht annehmen.“
„Wieso das?“, Dalli spürte, wie ihre Lippen zitterten. „Habe ich was falsches gesagt?“
„Oh nein. Ganz im Gegenteil. Das Brettspiel lenkt mich von meinen beruflichen Sorgen ab.“
„Na also, dann können wir doch eine Partei spielen. Mit Dick ist nichts anzufangen.“
„Ich habe noch einen beruflichen Termin, der ca. eine Stunde lang dauern wird. Bis dahin musst du dich irgendwie selbst beschäftigen. Hast du dir etwas zum Lesen oder zum Handarbeiten mitgebracht?“
„Wie kommst du darauf? Ich bin doch zum Arbeiten und nicht zum Erholen hier.“, antwortete Dalli entrüstet. Am liebsten hätte sie Pankraz die Zunge herausgestreckt, aber das gehörte sich nicht.
„Bei diesem Wetter kannst du doch nichts arbeiten. Und die Ernte ist bereits eingeholt. Ich mach dir einen Vorschlag: Was hältst du davon, dich in die Bibliothek zurückzuziehen und dort ein wenig in den alten Büchern zu stöbern. Vielleicht findest du ja das eine oder das andere, dass dir gefällt.“

Dalli freute sich sehr darüber und gab ihrer Freude zwar zurückhaltend Ausdruck, wie es sich für eine junge Dame gehörte, aber ihre Augen strahlten.
„Ich komme dann, wenn der Termin vorbei ist und hole dich ab.“
„Was ist mit Dick?“
„Sie schläft. Ja schon wieder. Lass sie schlafen. Mehr kannst du ja doch nicht tun.“
„Zu dumm nur, dass Dick ausgerechnet jetzt „unpässlich“ geworden ist, was auch immer sie damit meint.“
„Man kann es sich leider nicht aussuchen, wann man krank wird und wie. Ihr habt es gut, also deine Schwester und du. Wenn ihr krank seid, könnt ihr euch ins Bett legen und jemand kümmert sich um euch.“
„Das kannst du doch auch?“
„Leider nicht. Ich bin mein eigener Chef und muss rund um die Uhr arbeiten. Auch an den Tagen, an denen andere frei haben.“
„Die Ponys brauchen auch jemanden, der sie versorgt.“
„Aber nicht rund um die Uhr, das ist doch richtig so?“
„Ja, das stimmt. Und wenn etwas schwierig ist, so trägt entweder Jochen oder Oma Jantzen die Verantwortung.“
„Was meinst du damit?“
„Oh, wenn es zum Beispiel bei der Geburt eines Fohlens zu Komplikationen kommt, dann darf ich zwar zugucken, aber selbst nichts tun. Das übernimmt dann meistens Jochen. Er päppelt die Stute oder das Fohlen oder beide auf, so dass sie sich schnell wieder erholt.“
„Und wenn etwas schief geht?“
„Das kommt leider auch ab und zu vor. Eine Stute verfohlt oder ein Tier stirbt auf der Weide.“
„Vermisst du das Tier?“, wollte Pankraz wissen.
„Wenn ich es lange genug gekannt habe, schon. Aber Oma hat mal gesagt, es sei der Lauf der Welt. Das alte müsse Platz machen für das neue. Sie hat schon recht. Es werden zwar viele Tiere verkauft oder verschenkt, aber auch immer wieder neue geboren, so dass der Stall nie leersteht.“
„Es ist nett mit dir zu plaudern, aber ….“, Pankraz wies auf die Standuhr, in der Mitte des Raumes. Dalli nickte. Sie war zwar blond, aber nicht ganz dumm, wie sie sich ab und zu stellte.

Da Pankraz nicht zur Verfügung stand, ließ sich Dalli von Erika den Weg zur Bibliothek zeigen. Dort angekommen, schlenderte Dalli erst eine Weile unschlüssig auf und ab, blickte auf die vielen Bücher, die in den Regalen standen. Werke von Goethe, Shakespeare und Schiller. Dalli wusste, wer die Herren waren, hatte jedoch noch nie etwas von ihnen gelesen.
„Hier gibt es keine Jugendbücher. Nur Bücher für Erwachsene. Onkel Pankraz ist doch auch mal ein Kind gewesen, aber das ist lange her. Er hat bestimmt seine alten Kinderbücher weggeworfen.“
Eine Reihe Lexika, aus dem 19. Jahrhundert. Dalli nahm eines davon in die Hand. Es fühlte sich rauh an. Die Seiten waren in einer alten Schrift, welche Dalli nicht lesen konnte, verfasst. Sie zuckte mit den Schultern, blätterte noch eine Weile in dem Lexikon, stellte es dann wieder zurück in das Regal.

„Was ist wohl aus den Kinderbüchern geworden, die Margot mal gelesen haben muss? Oder hat sie keine Zeit zum Lesen gehabt? Ich hätte doch Onkel Pankraz danach fragen sollen.“
Auf der einen Seite der Regale hatte Dalli kein Glück. Erst auf der anderen Seite wurde sie fündig und das in gleich mehrfacher Hinsicht. Zwar waren die Bücher, die dort standen, auch in der alten Schrift geschrieben und daher nur schwer zu lesen. Aber Dalli ließ sich nicht entmutigen. Schon bald konnte sie die ersten Zeilen eines Mädchenbuches entziffern. Dalli sah sich nach einer Sitzgelegenheit um. Im Stehen oder im Gehen zu lesen war zwar möglich, aber auf Dauer doch sehr unbequem.
Wieder war das Glück auf Dallis Seite. Sie fand einen Ohrensessel und machte es sich darin gemütlich. Bald schon war sie so sehr in der Schicksal von Ilse Macket vertieft, so dass sie Zeit und Raum vergaß. Und erst, als sie jemand an der Schulter rüttelte, erschrocken aufblickte.
„Aha, du hast also die alten Bücher entdeckt. Das Buch da hat Margot einmal gelesen. Und vor ihr, noch ihre ältere Schwester.“
Dalli hielt im Lesen inne. Sie fühlte sich irgendwie ertappt: „Schade, dass du so früh gekommen bist.“
„Früh ist gut.“, lachte Pankraz. „Es sind fast zwei Stunden, statt der geplanten einen Stunde um.“
„Was soll ich denn jetzt machen? Ich hätte doch zu gerne gewusst, was Ilse so alles im Pensionat erlebt, aber ich möchte gerne mit dir eine Partie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen.“
„Man kann nun mal nicht alles im Leben haben. Lass uns spielen. Das Buch läuft dir nicht weg.“
Auf einem Beistelltisch lag ein leeres Blatt Papier, von welchem Pankraz einen Streifen abriss.
„So, den kannst du als Lesezeichen verwenden.“
„Danke, das mach ich doch gerne. Ich hätte sonst einfach eine Buchseite umgebogen.“
„Das ist keine gute Idee. Dann würde das Buch mit der Zeit nicht mehr so schön aussehen.“

Dalli erbat die Erlaubnis, das Buch für die Dauer ihres Aufenthalts hier, ausleihen zu dürfen. Mit diesem in der Hand, folgte sie Pankraz hinüber in den Salon, in welchem sie bereits gestern Abend gesessen hatte. Die Stühle dort waren deutlich bequemer als die harten im Speisezimmer.
Dalli legte das Buch beiseite, stellte die Figuren auf das Brett.
„Darf ich beginnen?“
„Warum?“, wollte Pankraz wissen. „Alter vor Schönheit.“
„Na weil ich doch gestern verloren habe und wie. Ich habe nicht mal die Hälfte aller Figuren ins Ziel gebracht.“
„Machen wir es doch so: Jeder von uns würfelt einmal. Wer die höhere Augenzahl würfelt, fängt an.“
Dalli war mit dem Vorschlag einverstanden. Pankraz würfelte als erster. Das Ergebnis lautete auf die Zahl: Drei. Nun war Dalli an der Reihe. Sie schob den Würfel so fest, dass er fast den Tisch hinuntergerollt wäre.
„Mist. Nur eine Zwei. Gut, dann bist du dran.“

Eine Weile verlief das Spiel schweigend. Dalli musste sich konzentrieren. Pankraz schien über etwas nachzudenken, da er immer wieder die Stirn in Falten zog. Dalli stellte keine Fragen. Plötzlich hielt sie inne.
„Was ist? Du bist dran.“
„Dick wäre vielleicht auch froh, wenn sie hier mitspielen könnte. Soll ich sie holen?“
„Meinst du wirklich, dass deine Schwester das Spiel mag? Sie ist doch schon erwachsen.“
„Trotzdem: Es wäre nicht fair, Dick auszuschließen.“
„Arbeiten kann sie nicht, aber spielen schon. Was ist das für eine Logik. Also gut. Ich warte auf dich.“

Dalli lief rasch nach oben, um mit Dick zu reden. Aber diese winkte ab.
„Ich hätte dich auch gerne dabei gehabt. Einfach so. Außerdem ist das unhöflich gegenüber Onkel Pankraz, wenn du dich ständig zurückziehst.“
„Gut, du hast mich ertappt. Ich komme mit dir. Allerdings sehe ich euch nur zu. Das Spiel ist mir wirklich zu kindisch.“
„Menschenskind, das freut mich.“, Dalli hopste herum, solange bis sie von Dick festgehalten wurde.
„Ich werde etwas wie dein Maskottchen sein. Aber nun komm: Wir wollen Onkel Pankraz nicht so lange warten lassen.“

Ob es daran lag oder einfach, dass Dalli inzwischen etwas Übung hatte? Gute Frage, sie wusste es nicht, aber sie gewann die Partie mit Leichtigkeit.
„Du hast sie absichtlich gewinnen lassen.“, meinte Dick.
„Ist ja gar nicht wahr. Ich habe eben schlecht gespielt. Am Abend geht’s weiter. Ihr müsst mich entschuldigen. Die Geschäfte warten nicht.“
„Was sollen oder vielmehr, was dürfen wir tun?“
„Vielleicht Erika zur Hand gehen? Sie wird es euch schon sagen, ob sie Hilfe braucht oder nicht.“

Der Vorschlag war zwar gut gemeint, ging jedoch daneben. Erika meinte, sie käme auch alleine zurecht und es gehöre sich nicht für den Hausherren und dessen Gäste in der Küche zu arbeiten.
Dalli und Dick plauderten noch eine Weile mit Erika, die gerade dabei war, das Geschirr zu spülen. Und es war eine Menge Geschirr, wie Dalli zählen konnte. Sie hätte gerne geholfen. Aber wenn ihre Hilfe nicht erwünscht war, na schön. Aufdrängen wollte sie sich nicht und betteln auch nicht.
Dann zogen sich die Mädchen in das Gästezimmer zurück, um darauf zu warten, bis es Zeit zum Abendessen war. Der Regen war stärker geworden, trommelte heftig gegen das Fenster.
„Zu dumm nur, dass wir hier nichts tun dürfen.“, jammerte Dalli.
„Langweilst du dich etwa? Das ist ja ganz etwas neues. Daheim reißt du dich doch auch nicht gerade darum, die Hausarbeit zu machen.“
Dalli zog ihre Schuhe aus, warf sie achtlos zur Seite, hopste auf das Bett und streckte sich dort aus.
„Das ist doch was anderes. Außerdem möchte ich hier gerne etwas helfen, so wie es uns Oma beigebracht hat.“
„Onkel Pankraz hat dafür Personal. Vermutlich ist es immer schon so gewesen. Er kann es sich leisten.“, meinte Dick, die auch ihre Schuhe auszog, aber es sich nicht auf dem Bett, sondern auf der breiten Fensterbank bequem machte.

„Ethelbert hat bestimmt auch Personal. Oder was meinst du?“
„Ich weiß es nicht. Und wenn es so ist: Man redet nicht darüber. Ethelbert hat sich in den letzten Jahren prächtig rausgemacht.“
„Wie ein Pferd. Erst ein verwöhntes Fohlen und nun ein richtig doller Hengst.“
Dick lachte: „Der Vergleich gefällt mir. Wo hast du nur diese Idee her?“
„Oh, die ist mir einfach so eingefallen.
„Lass das bloß nicht Ethelbert selbst hören.“
„Keine Sorge. Du kannst dich auf mich verlassen. Er ist doch bestimmt weit weg.Also darf ich frei reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“
„Das Maul - um in der Tiersprache zu bleiben. Pferde haben doch keinen Schnabel.“
Jetzt musste auch Dalli lachen. Für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich wie früher, als sie gemeinsam mit Dick über alles und über jeden hatte lachen können. Aber in den vergangenen Tagen und Wochen war Dick immer stiller und ernster geworden. Als ob man als fast Erwachsene nicht mehr lachen durfte oder zumindest nicht frei heraus, wie in diesem Augenblick.

Der Augenblick ging schnell vorüber. Zumindest kam es Dalli so vor. Nach einer Weile zog sich über Dicks Gesicht wieder ein ernster, ja geradezu strenger Blick. Sie starrte aus dem Fenster, als ob sie dort in der Ferne etwas sehen würde. Dalli nahm das Buch zur Hand und las weiter. Sie war kaum eine Seite weit gekommen, als Dick vor ihr stand.
„Ich habe gefragt, ob ich es mir ausleihen darf.“, stammelte Dalli, die sich ertappt fühlte.
„Schon gut. Mir soll’s recht sein. Vielleicht leihe ich mir auch ein Buch aus, wenn es Onkel Pankraz erlaubt.“
„Es sind aber fast keine Jugendbücher da, nur so große, schwere Lexika und Werke von Goethe.“
„Die mag ich gerne.“
„Kannst du die alte Schrift lesen? Ich habe meine Mühe damit.“
Dick versicherte, es sei für sie kein Problem.
„Darf ich mal?“
Dalli nickte. Dick nahm ihr das Buch aus der Hand und las einige Zeilen vor.
„Prima. So und nun bin ich wieder dran mit lesen.“
„Wir können das Buch ja auch gemeinsam lesen.“
„Nee, das ist mir zu doof. Ich bin doch schon viel weiter als du, zumindest bei diesem Buch.“

Dick sah auf die Uhr und ging dann ins Badezimmer. Dalli wunderte sich darüber. Dick war manchmal etwas seltsam. Erst nach einer halben Stunde kam sie wieder zurück.
„Geht’s dir gut? Oder soll ich Onkel Pankraz Bescheid geben?“
„Mit mir ist alles in Ordnung. Wirklich.“, Dick atmete tief ein und aus, ein und aus.
„Du siehst blass aus. Sonst hast du doch immer eine gesunde Farbe.“
„Möchtest du wirklich wissen, was mit mir los ist?“
„Ja, irgendwie schon. Schließlich bist du meine Schwester und ich habe doch sonst niemanden.“
„Also schön; dann höre gut zu ….“

An diesem Tag erfuhr Dalli etwas, dass sie eigentlich gar nicht erfahren wollte. Man sprach nicht darüber, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, was auch den Unterricht in der Schule einschloss. Und schon gar nicht vor fremden Personen.
„Aha, so ist das also. Wenn ich eine Frage habe, wende ich mich an dich.“
Dalli schwor alle heiligen Eide, niemandem, etwas zu verraten. In diesem Moment kam sie sich nicht mehr so kindisch wie sonst, sondern beinahe ein wenig erwachsen vor. Zumindest war es ein Schritt in diese Richtung.
„Du hast ja noch etwas Zeit, bis es bei dir soweit ist. Das glaube ich zumindest, wenn ich mir dich so ansehe.“, meinte Dick halb ernsthaft, halb mit den Augen zwinkernd.
Dalli versicherte, es gehe ihr gut und sie merke von den Anzeichen eigentlich noch nichts.
Plötzlich klopfte es an der Türe. Dalli nickte in Dicks Richtung hinüber. „Sag du etwas.“
"Walzer .... Walzer hätt' ich auch gekonnt."
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Andrea1984
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Kapitel 4

Beitragvon Andrea1984 » Di 16.Jan.2018 19:18

Auf das freundliche „Herein.“ - von Dick reagiert zunächst niemand. Erst beim zweiten Mal kam eine Reaktion. Die Türe wurde geöffnet. Erika stand davor.
„Der gnädige Herr schickt mich. Er wartet im Salon auf euch beide.“
„Ist gut, danke.“, Dick machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir finden den Weg schon.“
Dalli wartete, bis Erika das Zimmer wieder verlassen hatte.
„Warum hast du sie nicht gebeten, zu bleiben oder uns den Weg zu zeigen?“
„Wir sind keine kleinen Kinder und finden uns durchaus hier zurecht.“, antwortete Dick ruhig.

Dalli kannte zwar viele Räume in diesem großen Haus, aber der Salon war ihr neu. Sie wusste weder, wie er aussah, noch wo er zu finden war. Wusste Dick den Weg wirklich oder bluffte sie nur?
Erst nach einer Weile fanden die Mädchen die richtige Türe. Diesmal war es Dick, die anklopfte und auf die Erlaubnis wartete, eintreten zu dürfen. Dalli klopfte das Herz bis zum Hals. Hatte sie etwas angestellt? Musste sie etwa schon früher abreisen? Oder durfte sie doch, wie geplant, bis Sonntag da bleiben? War etwas bei der Weinlese schiefgegangen? Hatte sich ein Kunde beschwert?

„Kommt nur herein. Macht es euch gemütlich. Wer möchte in dem bequemen Sessel und wer auf dem Sofa sitzen?“
Dalli nickte hinüber zu Dick, überließ ihr die Entscheidung.
„Ich wähle das Sofa.“
„Gut, dann bleibt für deine Schwester der Sessel übrig. Ihr seid fast ein wenig zu früh dran.“
„Zu früh?“, wunderte sich Dick.
„Man sollte glauben, hier drinnen, gibt es ein Echo.“, schmunzelte Pankraz. „Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“
„Auch bei der Weinlese?“
„Ja, gerade bei der Weinlese. Allerdings wird es über ein Jahr dauern, eher den Wein reif genug ist, dass man ihn trinken oder verkochen kann. Ihr kennt das vielleicht auch, dass eure Oma ab und zu ein wenig Rotwein in eine Sauce gibt?“
„Neulich hat es ein Wildfleisch mit einer dicken Soße gegeben, die etwas säuerlich geschmeckt hat. Ich glaube, da ist ein Schuss Rotwein dabei gewesen.“
„Eigentlich wäre das Wildfleisch für die Gäste bestimmt gewesen.“, ergänzte Dalli. „Aber die sind dann doch früher abgereist, als geplant und deshalb ist noch etwas übrig geblieben. So haben wir es bekommen. Mal was anderes, als die ewigen Klöße, Kartoffeln und Bohnen.“
„Dalli!“, rief Dick entrüstet aus.
„Wo sie recht hat, hat sie recht. Zumindest teilweise. Ein wenig Abwechslung auf dem Speiseplan hat noch keinem geschadet.“
„Aber das sagt man doch nicht so laut.“
„Mir schmeckt’s hier natürlich auch.“, beeilte sich Dalli zu sagen, um ihren Tritt ins Fettnäpfchen wieder auszubügeln. „Gibt es denn schon Abendessen?“
„Nein, dafür ist es noch zu früh. Ich habe euch aus einem anderen Grund rufen lassen.“, Pankraz warf einen Blick auf die alte Standuhr, die sich in einer der Ecken befand. Der kleine Zeiger rückte nahe auf die Zwölf, während der große Zeiger auf der Vier stand. Ein heller Ton erklang, dann ein dunkler.

Von irgendwo her erklangen Schritte, die immer näher kamen. Jemand riss die Türe auf.
„Hallo Onkel Pankraz. Wir sind schon da. Mädels, was macht ihr hier?“
„Na das ist vielleicht eine Überraschung. Mit dir habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich dachte, du bist in München oder bei deinen Eltern.“
Dalli sprang auf, lief auf Ethelbert zu und flog ihm um den Hals.
„Schön, dass du bist. Wen meinst du mit „wir“?“
„Ralf ist auch mitgekommen, aber er kleidet sich noch um. Wir sind vom Regen in die Traufe gekommen.“
„Kein Wunder, wenn ihr bei diesem Wetter mit dem Motorroller unterwegs seid.“
„Ich bin ein harter Kerl und habe schon ganz andere Sachen durchgestanden.“, Ethelbert reckte das Kinn nach oben und die Brust nach vorne. Dalli boxte spielerisch dagegen.

Erst nach ein paar Minuten traf auch Ralf ein. Dalli begrüßte ihn etwas zurückhaltender, als sie es bei Ethelbert getan hatte. Ralf war doch um vieles älter als sie und eine Respektsperson. Bei Ethelbert dachte sich Dalli nichts schlimmes dabei, ihn stürmisch zu begrüßen oder ihm einen leichten Klaps zu geben. Er durfte das ja bei ihr auch. Zudem waren sie, entfernt aber doch, verwandt. Wen sollte es da schon stören, wenn es etwas unformeller zuging. Nicht mal Dick konnte etwas dagegen sagen.

Pankraz bot allen einen frischen Kakao an und meinte, das Abendessen gäbe es erst später. Schon bald saßen alle gemütlich im Salon beisammen. Dalli beanspruchte nach wie vor den Sessel für sich, während Dick neben Ralf auf dem Sofa saß und Händchen hielt. Ethelbert musste sich mit dem freien Platz auf der breiten Fensterbank begnügen, da Pankraz bereits den zweiten Sessel besetzt hatte.
Eine Weile wurde nur über allgemeines geredet: Vor allem das Wetter und die Weinlese. Ethelbert führte das große Wort, während Ralf nur wenig redete. Dick fragte nach, erzählte aber wenig.
„Kein Wunder, wo du dich doch um die Weinlese gedrückt hast.“, neckte Dalli.
„Es ist mir fast ein wenig peinlich, aber was ist mir anderes übriggeblieben.“, Dick starrte in ihre halbvolle Kakaotasse.
„Du hast es wenigstens versucht. Vielleicht wird’s ja beim nächsten Mal besser.“
„Als ob es ein nächstes Mal geben wird. Bis zur neuen Weinlese vergeht ein Jahr. Da kann viel passieren.“
Dalli wusste, warum Dick heute schlecht gelaunt war, aber sie schwieg, um ihre Schwester nicht vor allen anderen zu blamieren. Manchmal war es besser, den Mund zu halten und einfach zuzuhören.

„Ich werde gut bezahlt, keine Frage. Aber trotzdem ist meine Arbeit irgendwie langweilig, da ich nichts selbständig malen darf, sondern nur das, was Dr. Westkamp mir befiehlt.“, berichtete Ralf.
„Da musst du durch. Es werden bestimmt bessere Zeiten kommen. Und eines Tages, wenn alles gut geht, wirst du vielleicht dein eigener Herr sein.“
„Das stellst du dir so einfach vor, Dick.“, Ralf lächelte. „Irgendwie hast du schon recht.“
„Was für ein Glück, dass du an diesem Tag frei bekommen hast.“
„Ich habe immer am Wochenende frei. Das ist für mich nichts besonders. Wäre ich heute nicht hier gewesen, so hätte ich meine Eltern oder meine Schwester besucht.“
„Du hast eine Schwester?“, Dick hob eine Augenbraue.“Warum hast du mir nie von ihr erzählt?“
„Du hast mich ja auch nie gefragt, oder?“, Ralf rührte in seiner Kakaotasse.
„Hmm ja, das habe ich irgendwie vergessen. Es hat irgendwie nie gepasst.“
„Ich bin neidisch.“, mischte sich Ethelbert in das Gespräch ein. „Ich hätte gerne eine Schwester gehabt.“
„Nur nicht.“, riefen Dalli und Dick wie aus einem Mund. Im nächsten Augenblick sahen sie sich an und brachen in schallendes Gelächter aus.
„Ihr seid euch einig, wie ein altes Ehepaar.“, sagte Ralf. „Mit meiner Schwester habe ich mich früher eigentlich recht gut verstanden, bis zum Beginn der Pubertät. Dann ist der Kontakt einige Jahre nicht so erfreulich gewesen, erst vor 3 oder 4 Jahren sind wir uns nähergekommen.“
„Ist deine Schwester älter oder jünger? Vielleicht seid ihr altersmäßig einfach zu nahe beieinander, dass es schnell einmal zu Streitigkeiten kommen kann.“, vermutete Pankraz.
„Was verstehst du davon?“, neckte Ethelbert.
„Mehr als du ahnst. Ich habe nämlich auch eine Schwester, wie dir vielleicht bekannt ist.“
„Ach ja, richtig. Das vergesse ich immer, dass meine Mutter zugleich deine ältere Schwester ist.“

Dalli schaute verwirrt von Ethelbert zu Pankraz und wieder zurück. Gut, jetzt wusste sie also, wie die beiden verwandt waren. Wieso gab es dann, von ihrer Seite her, zwar zu Ethelbert eine Verwandtschaft, aber keine zu Pankraz?
Frei von der Leber weg, äußerte Dalli ihre Gedanken laut, wie sie es von zuhause aus gewöhnt war.
„Wenn ihr unbedingt wollt, dann erkläre ich es euch. Allerdings ist das ein wenig kompliziert.“
„Nur zu. Wir haben ja Zeit. Oder ist die ganze Thematik so umfangreich, dass sich niemand auskennt?“, kam die Frage von Dick. „Ich möchte es nämlich auch gerne mal erfahren.“
„Dazu brauche ich etwas: Nämlich diese kleine, schwarze Mappe hier, aus dem Regal.“
Dalli reagierte schnell, zog die Mappe heraus und drückte sie Pankraz in die Hand: „Bitte sehr.“
„Wie weit soll ich mit dem Erklären zurückgehen?“
„So lange, bis ein gemeinsamer Vorfahre oder eine gemeinsame Vorfahrin auftaucht.“
Pankraz blätterte so lange in der Mappe, bis er die entsprechende Stelle gefunden hatte.

Dalli blickte auf die vielen Namen und Daten, die ihr, bis auf wenige Personen, gänzlich unbekannt waren. Wie sollte sie da nur herausfinden, wer nun wer war und wer zu welcher Linie gehörte?
„Das ist ja schlimmer als die Matheaufgaben in der Schule.“
„Ach was, das ist doch ganz einfach. Hier, bei dem Blatt auf der linken Seite geht’s los. Gib gut acht.“
Dalli sah sich die entsprechende Stelle an. „Henriette. Aha, das ist also Oma Jantzen.“
„Sehr gut. Sieh nur, hier ist Opa Jantzen. So kann man doch sagen, oder?“
„Ja, der Mann von Oma war Opa, auch wenn ich ihn nie gekannt habe. Und wie geht’s dann weiter?“
Gespannt beugte sich Dalli nach vorne, um alles genauer sehen zu können. Im Nacken spürte sie Ethelberts weichen Atem. Auch Dick und Ralf waren inzwischen aufgestanden und zu Pankraz hinübergangen, um alles besser erkennen zu können. Pankraz räusperte sich kurz: „Es geht los.“

„Ich muss noch schnell auf Toilette.“, meinte Dick.
„Na gut, dann warten wir eben so lange. Auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt’s nicht an.“
Dalli verdrehte die Augen nach oben. Musste das sein? Ausgerechnet jetzt verließ Dick den Salon.
„Ich sollte dich über’s Knie legen.“, sagte Pankraz zu Ethelbert. „Einfach so, kreuzt du hier auf, ohne Erika oder mir Bescheid zu sagen. Mach das ja nie wieder.“
„Ich darf das, das hast du selbst einmal gesagt.“
„Gut, ich gebe mich geschlagen. Was soll nur aus dir werden, wenn du nicht mal anständig lernst? Nimm dir ein Beispiel an Ralf. Er hat fleißig gelernt und gearbeitet und verdient nun recht gut.“
„Ich brauche nicht arbeiten gehen.“, Ethelbert machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Wer sagt das? Deine Eltern?“
„Die haben es doch auch nicht nötig, körperliche Arbeit zu machen. Sie verdienen auch so ihr Geld.“
„Einiges davon haben sie nicht verdient, sondern geerbt. Genauer deine Mutter: Sie hat, damals, vor 20 Jahren bei ihrer Hochzeit mit deinem Vater, eine üppige Mitgift mit in die Ehe gebracht.“
„Die du auf Mark und Pfenning genau ausgezahlt hast, stimmt’s?“

„Das verstehe ich nicht? Warum? Ich dachte, deine Schwester ist älter?“, hakte Dalli ein.
„Sie ist hier aufgewachsen, wie ich und hat später nach München geheiratet. Wer nach der Heirat wegzieht, muss, von dem der bleibt, ausgezahlt werden. Das steht so in einem alten Erbfolgevertrag.“
„Aha, jetzt bin ich etwas klüger.“, Dallis Augen strahlten von einem Ohr zum anderen.
„Meine Schwester hat relativ spät geheiratet. Ich weiß nicht warum. Sie hätte es ja auch früher schon tun können, aber kein Verehrer ist ihr gut genug gewesen. Erst Julius Gravenhorst hat es geschafft, ihr Herz zu erobern. Frag mich allerdings nicht wie. Und irgendwann hat sie dann einfach „Ja“ gesagt.“
„Ethelbert ist dann, etwas mehr als 2 Jahre nach der Hochzeit seiner Eltern, geboren worden.“, ergänzte Ralf. „Seine Eltern und meine Eltern sind Nachbarn oder vielmehr gewesen. Meine Eltern haben einige Jahre in München gelebt und sind dann später nach Lübeck übersiedelt.“
„Warum sagst du immer „deine Eltern“?“, diesmal war die Reihe an Pankraz sich zu wundern.
„Eigentlich müsste ich sagen: Meine Mutter und mein Stiefvater. Aber das spricht sich nicht so leicht. Außerdem habe ich, genau wie meine Schwester, meinen richtigen Vater kaum gekannt.“
„Er ist im Krieg gefallen?“, vermutete Dalli. „Wie meiner auch, zumindest sagt das Oma Jantzen.“
„Nicht direkt.“, Ralf ballte die Hände zu Fäusten, öffnete sie dann wieder. „Er hat schon an der Front gekämpft, das stimmt. Doch das ist kompliziert. Was hast du in der Schule über den Krieg gelernt?“
„Wenig. Der Lehrer redet wenig und wenn, dann sagt er immer nur: „Es ist eine Schande für das Deutsche Reich, dass es nicht länger bestanden hat. Der Führer hat vieles versprochen.““
„Also: Mein Vater ist im Jahr 1943 auf Fronturlaub gekommen. Und hätte eigentlich schon wieder abreisen müssen, aber da eine Bombe das Stadtviertel erwischt, wo das Haus meiner Eltern gestanden ist. Viele Leute sind dabei schwer verletzt worden oder gestorben. Mein Vater ist zunächst am Leben geblieben, aber dann, einige Zeit später, an einer inneren Blutung gestorben. Man hat nichts mehr für ihn tun können.“
„Oh, das tut mir leid. Auch wenn schon lange her ist.“, Dalli ging hinüber zur Ralf, legte eine Hand auf seinen Arm.
„Meine Mutter hat meine Schwester und mich zu Freunden oder zu Verwandten gebracht, solange bis der Krieg zu Ende war. 1946 hat sie einen ehemaligen Soldaten geheiratet, dessen Frau im Krieg an Typhus gestorben ist.“
„Wieso hat deine Mutter noch einmal geheiratet? Sie hätte bestimmt eine Witwenrente bekommen?“
„Das geht dich gar nichts an!“, verwies Ralf streng. Dalli zog den Kopf zwischen die Schultern. „Meine Mutter wird schon wissen, warum sie es getan hat. Sie hat ja nicht nur an sich, sondern auch an meine Schwester und an mich denken müssen. Was hättest du getan, wärst du an ihrer Stelle gewesen?“
„Ich weiß es nicht.“, Dalli gab zu, dass sie sich darüber noch nie Gedanken gemacht hatte.
„Eben. Und nun genug davon. Mein Stiefvater, zu dem ich Vater sagen darf, ist gut zu mir. Und zu meiner Schwester auch. Er hat mir auch die Möglichkeit gegeben, ein Studium an der Kunstakademie zu beginnen. Meine Mutter arbeitet auch und unterstützt als Schneiderin die Familie.“

Dick kam zurück. Dalli war gespannt, was Pankraz zu erzählen hatte. Allerdings konnte sie sich nicht jeden Namen merken.
„Besteht die Möglichkeit, dass ich mir die Informationen selbst abschreibe?“
„Nein, das wäre nicht fair. Ich habe monatelang an dieser Arbeit gesessen. Aber du kannst dir die Unterlagen jederzeit anschauen, das verspreche ich dir.“
Dalli schlug in die dargebotene Hand ein: „Menschenskind, das finde ich prima, Onkel Pankraz.“
Ja, sie nannte ihn auch weiterhin so, auch wenn er nicht mit ihr verwandt war. Wenn sie jemanden mochte, so machte Dalli dabei keinen Unterschied. Sie konnte auch Ralf gut leiden, besonders nach dem er ihr so etwas privates wie den frühen Tod seines richtigen Vaters anvertraut hatte.

Das „Plauderstündchen“, wie Dalli das Beisammensein insgeheim nannte, verlief schnell, fast zu schnell. Nach dem Abendessen hatte Dalli auf eine Fortsetzung gehofft, aber diese kam nicht zu stande. Wieder wurden die Mädchen früh ins Bett geschickt, während die Jungs noch aufbleiben durften.
Dalli moserte, nur unter vier Augen, aber Dick meinte, es sei nur recht. Immerhin seien die Jungs schon erwachsen, da dürften sie das schon. Aus dem Gesprächsverlauf beim Abendessen hörte Dalli, dass Ethelbert hier so etwas wie eine Dauereinladung hatte, sprich er durfte einfach mal so vorbeikommen, ohne sich dafür anzumelden oder extra eingeladen worden zu sein. Weiters erfuhr sie, dass Ralf eigentlich nicht hatte mitkommen wollen, weil es soviel Arbeit gäbe. Doch Ethelbert meinte, es sei ja schön und gut, aber ein wenig Urlaub zwischendurch müsse auch einmal möglich sein.

Erst am nächsten Morgen, nach dem Frühstück kam Dalli dazu, sich ausgiebig am Gespräch zu beteiligen. An Ethelberts Seite schlenderte sie durch den Garten, der allerdings bei diesem Regenwetter keinen schönen Anblick bot.
„Möchtest du, dass ich dir einen Schirm anbiete?“
„Danke. Für mich tut’s die Kapuze auch. Ich bin nicht so verweichlicht wie Dick.“
„Vorsicht. Onkel Pankraz beobachtet uns vom Salon aus.“
„Meinst du?“, Dalli blickte sich nach allen Seiten um.
„Ich glaube es zumindest. Vielleicht hätten wir doch Dick und Ralf mitnehmen sollen, dann würden wir hier nicht so auffallen.“
„Sie genießen es wohl, einfach mal ein wenig Zeit für sich zu haben.“, riet Dalli. „Ralf arbeite einfach zu weit weg.“
„Was soll da erst ich sagen?“, rief Ethelbert beinahe entrüstet aus. „München ist nicht gerade um die nächste Ecke.“
„Aber es gibt doch soviele Möglichkeiten zu verreisen: Mit dem Motorroller, der Bahn, dem Auto.“
„Ich habe noch keinen Führerschein. Und ich will ihn auch nicht machen. Dafür gibt es doch Personal.“
„Ethelbert, wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert.“, erwiderte Dalli schockiert.
„Was soll ich tun?“, Ethelbert hob und senkte die Schultern. „Meine Eltern haben mich dazu erzogen.“
Dalli biss sich auf die Lippen. Jedesmal wenn jemand von den Eltern sprach, gab es ihr einen Stich, obwohl oder gerade weil sie ihre leiblichen Eltern nie kennengelernt hatte.
„Verflixt, das hätte ich nicht sagen sollen. Entschuldige bitte.“
„Schon gut. Im Laufe der Jahre habe ich mich daran gewöhnt. Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht.“

Ethelbert blieb stehen, lehnte sich an einen der Bäume, schnaufte wie ein Pferd.
„Was tust du da?“
„Ich atme die frische Luft ein. Frische Luft ist gesund, das sagt Onkel Pankraz immer. Er muss es ja wissen. Außerdem habe ich einen Stein im Schuh und halte mich lieber am Baum, als an dir fest.“
„Wenn dir das gehen zuviel wird, wir können auch gerne umkehren. Der Regen wird stärker. Außerdem zieht Nebel auf, oder bilde ich mir das nur ein?“
„Also gut, dann kehren wir eben um. Ich möchte mir nichts schlimmes nachsagen lassen.“
„Wie? Etwas schlimmes? Wir gehen spazieren, wir unterhalten uns. Das ist doch in Ordnung.“
„Die Leute reden hier viel. Mehr noch, als du es dir vorstellen kannst.“, Ethelbert zog den linken Schuh aus, enfernte den Stein, schlüpfte dann wieder in den Schuh.
„Was gehen mich die Leute an?“
„Ich bin, wie du ja schon weißt, öfter hier. Und kenne daher fast jeden hier. Mein guter Ruf wäre in Gefahr, wenn ich etwas verbotenes ausführe.“
„Von der Seite aus habe ich das noch nie betrachtet.“, Dalli nahm sich vor, bei ihrer Rückkehr auf den Immenhof, Oma Jantzen oder Jochen nach dem guten Ruf der Familie Jantzen zu fragen.
„Was wohl Dick und Ralf jetzt in diesem Augenblick unternehmen?“
„Das weiß ich nicht.“, gab Ethelbert offen zu. „Vermutlich jammert Dick, wie sehr sie Ralf vermisst hat. Und er wird sie trösten, dass alles nicht so schlimm sei, aber er habe keine andere Wahl.“
„Hast du mich vermisst?“, stellte Dalli die Frage, die ihr schon eine Weile im Kopf herumging.

Ethelbert antwortete nicht, wandte den Blick ab, hinüber Richtung Haupthaus.
„Was murmelst du in deinen nicht vorhandenen Bart?“
„Oh, es ist nur. Ich habe gerade an etwas anderes gedacht.“
„Meine Frage ist noch unbeantwortet.“, Dalli konnte hartnäckig sein und sie wusste es.
„Später. Ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss noch packen. Ralf und ich müssen heute noch aufbrechen, wenn wir nicht zu spät nach Lübeck kommen wollen. Von dort aus fahre ich dann mit dem Zug weiter.“
„Gut, dass sehe ich ein.“. Dalli wechselte das Thema. Offenbar hatte sie Ethelbert verletzt oder in Verlegenheit gebracht? Doch warum redete er nicht offen darüber, was ihn zu bedrücken schien?
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Kapitel 5

Beitragvon Andrea1984 » Mi 31.Jan.2018 23:39

„Wie geht es Schneewittchen?“, wollte Ethelbert nach einer Weile wissen.
„Gut, ganz gut. Sie wird im nächsten Jahr eingeritten. Jochen hat schon mit ihr ein wenig geübt.“
„Das freut mich sehr.“, antwortete Ethelbert immer noch ein wenig ausweichend, als ob er an etwas anderes denken würde. „Ob sie mich noch wiedererkennt, wenn ich das nächste Mal auf den Immenhof komme?“
„Ganz bestimmt. Pferde haben ein gutes Gedächtnis. Sie wissen genau, wer sie mag.“
„Blessie auch?“
Dalli schmunzelte: „Ich werd ihn einfach fragen, ob er sich noch an den großen Jungen erinnert, der vor zwei Jahren auf ihm gesessen ist und dem er Zucker aus der Hand gefressen hat.“
„Ist Blessie eigentlich ein Hengst oder ein Wallach?“
„Ein Wallach. Für die Zucht haben wir andere Ponys, die besser dafür geeignet sind. Blessie hat manchmal einen ganz schönen Dickkopf. Nicht jeder kommt daher mit ihm zurecht.“
„Ich hab es auch erst nach ein paar Tagen geschafft.“

Dalli erzählte noch ein wenig mehr über die Ponys, verriet, dass im nächsten Jahr viel Nachwuchs erwartet werde, aber leider auch: Nicht alle Ponys durften auf dem Immenhof bleiben.
„Das ist nun mal der Lauf der Dinge: Der eine kommt, der andere geht.“
„Wann sehen wir uns wieder?“, Dalli biss sich auf die Lippen. Hoffentlich hatte sie jetzt nichts falsches gesagt.
„Vielleicht in diesem Jahr noch. Wenn alles gut geht, am zweiten Weihnachtsfeiertag. Den Heiligen Abend verbringe ich mit meinen Eltern.“, Ethelbert schnitt eine Grimasse. „Das wird aufregend.“
„Weil dein Vater nur über Geschäfte redet?“, vermutete Dalli, die absolut keine Ahnung hatte.
„Schön wär’s. Oft kommen auch einige wichtige Leute, von denen ich mir weder die Namen, noch die Gesichter merken kann. Die Erwachsenen sitzen dann im Salon, rauchen und trinken und reden über den neuesten Tratsch. Keiner kümmert sich um mich.“
„Jetzt übertreibst du aber ein wenig.“
„Nein, es ist wirklich so. Leider. Im Laufe der Jahre habe ich mich daran gewöhnt.“
„Du rauchst doch auch. Das hat mir Jochen einmal erzählt.“
„Ich habe es ausprobiert, doch die Zigarette hat mir gar nicht geschmeckt.“

„Was machst du da? Wohin bringst du mich?“
„Hinüber zu dem Schuppen. Da kann uns niemand sehen und es ist trocken und sicher.“
„Aber?“
„Nur keine Panik. Bis zum Mittagessen ist noch ein wenig Zeit. Ich habe ja eine Uhr dabei.“
Ethelbert öffnete die Türe: „Bitte sehr, gestatten gnädiges Fräulein.“

Dalli machte einen Knicks und trat ein. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
„Da muss irgendwo ein Lichtschalter sein. Auf der linken Seite glaube ich.“
Dalli tastete über die Wand. Was war das? Ein Spinnweben? Oder ein Holzklotz?
„Es ist einfach zu finster hier drinnen.“
„Nicht mehr lange.“, Dalli hörte, wie Ethelbert den Lichtschalter fand und das Licht anknipste.
„Hier ist es richtig gemütlich.“
„Findest du?“
„Ja wirklich.“, Dalli ließ ihren Blick quer durch den Raum schweifen. Im Gegensatz zum Herrenhaus, wo alles penibel angeordnet war, ja selbst die Blumentöpfe in Reih und Glied standen, herrschte hier das Chaos. Ausrangierte Blumentöpfe mischten sich mit alten, ausrangierten Bänken. In einer Ecke lag eine Fahrradpumpe. Ob diese wohl noch funktionstüchtig war? Neben der Fahrradpumpe befand sich ein Stapel Gartenstühle. Ethelbert nahm den obersten Stuhl herunter, stellte ihn auf den Fußboden.

„Huch, das ist ja alles voller Staub.“, Dalli hustete.
Ethelbert kramte ein Taschentuch aus der Tasche seines Jackets, wischte damit den Stuhl sauber.
„Achtung, dass du dir keinen Holzsplitter einfängst. Davon gibt’s hier leider einfach zuviele.“
„Worauf sitzt du? Der andere Stuhl, der jetzt oben auf dem Stapel liegt, hat ein großes Loch in der Mitte.“
„Ich werde schon etwas passendes finden.“
„Zur Not kannst du dich ja auf meinen Schoß setzen.“, bot Dalli an, mit einem kleinen Hintergedanken, von dem Ethelbert hoffentlich nichts ahnte.
„Ein Kavalier nimmt niemals auf dem Schoß einer Dame Platz.“, antwortete Ethelbert, wobei seine Stimme einen deutlich nasalen Klang einschlug, die sie sonst eigentlich nicht hatte.
Immer noch trommelte der Regen gegen die Wand. Dalli schlang die Arme um den Körper, um sich zu wärmen. Ethelbert ging auf und ab, blickte hinter eine Kiste, rüttelte an einem Vorhängeschloss, welches sich vor einem dunkelbraunen Schrank befand und seufzte dann.

„In den Schrank sollen angeblich Vorräte sein. Aber da komme ich nicht ran.“
„Wer weiß, wie lange der Schrank schon hier steht.“, gab Dalli zu bedenken.
„Ach da ist ja ein altes Kissen. Keine Ahnung, wie das hier her kommt. Es stinkt zwar ein wenig nach Mottenkugeln, doch es erfüllt wohl seine Zweck.“, Ethelbert klopfte das Kissen mit einer Hand aus.
„Wenn du den Blumentopf auf den Boden stellst, dann ist hier auf der Bank sogar noch ein Platz frei.“
„Menschenskind, das ist ja prima. Das mach ich doch glatt. So nun haben wir es bequem. Womit kann ich dir aufwarten?“
„Ein Glas Champagner wäre mir recht.“, meinte Dalli schlagfertig.
„Bedauere, gnädiges Fräulein, der ist leider schon aus. Ihr werdet euch wohl mit einem Glas Wasser begnügen müssen.“
„Wasser kommt vom Himmel, das ist eigentlich ganz einfach. Einen Becher oder ein Glas sehe ich hier allerdings in diesem Gerümpel nicht.“
„Zur Not tut es ja auch eine Tasse. Oder trinken gnädiges Fräulein nicht daraus?“

„Doch doch.“, versicherte Dalli. Ihr gefiel es, mit dieser Anrede tituliert zu werden. Ethelbert war nun einmal ein Kavalier der alten Schule oder wollte zumindest einmal einer werden.
„Wenn gnädiges Fräulein gestatten, dann suche ich nach einer Tasse oder einer kleinen Vase oder etwas in der Richtung.“, schon bückte sich Ethelbert, fing an, unter der Bank danach zu kramen.
Dalli lockerte den Griff der Arme um ihren Körper, sprang auf und machte ein paar Kniebeugen.
„Ist dir etwa kalt? Hier gibt es leider keine Heizung.“
„Soll ich dir beim Suchen helfen? Dann wird mir bestimmt warm.“
„Nee, lass mal. Das ist nichts für eine feine Dame.“
„Ich bin keine feine Dame und will auch keine sein. Damit hat es ja noch Zeit.“
„Vielleicht ist da irgendwo eine Decke oder ein altes Handtuch. Damit kannst du dich zudecken.“

Dalli sank auf den Stuhl zurück. Die Kniebeugen hatten ihre Wirkung getan. Ethelbert hatte seine Suche unter der Bank abgeschlossen, ging hinüber zu der Ecke, wo die aufgestapelten Stühle an der Wand lehnten. Unter dem letzten Stuhl lag eine kleine Kiste mit etwas Heu drinnen.
„Im Heu liegen, das wäre doch was.“
„Ich mag es auch gerne. Aber das Heu auf dem Immenhof ist für die Ponys bestimmt. Damit darf man nicht spielen.“, Dalli berichtete, wie sie einmal das mühsam geerntete Heu als Versteck beim Versteckenspielen genützt und dabei einen der aufgestapelten Heuballen zerstört hatte.
„Was ist dann passiert?“
„Möchtest du das wirklich wissen? Na schön, dann erzähle ich es dir. Aber du musst mir versprechen, dass du es niemandem erzählst. Nicht mal Ralf.“
„Also schön.“ Ethelbert hob eine Hand zum Schwur. „Ich bin gespannt.“
„Jochen hat mich allerdings dabei erwischt und mir eine ordentliche Strafpredigt gehalten.“
„Das kann ja noch nicht alles gewesen sein?“
„Woher weißt du das?“, Dalli hob eine Augenbraue. „Ich habe dann das Heu wieder aufstapeln müssen. Ganz alleine, ohne fremde Hilfe. Der Ballen ist dann ganz schön groß geworden.“
„Davon sind bestimmt viele Ponys satt geworden.“
„Ja, beinahe die ganze Herde.“, Dalli grinste von einem Ohr zum anderen.

„Du hast es gut.“
„Wieso?“, nun war es an Dalli sich zu wundern.
„Bevor ich das erste Mal auf den Immenhof gekommen bin, habe ich nie mit anderen Kindern gespielt.“
„Warum? Im Internat sind doch auch andere Kinder?“
„Das schon. Aber immer ist ein Erzieher um uns rum, der sagt, dass wir nun schon groß sind und nicht mehr spielen sollen. Und an die Zeit davor kann ich mich fast kaum noch erinnern.“
„Moment mal: Willst du damit sagen, du bist seit über 10 Jahren im Internat?“
„Genau, das ist es. Meine Eltern sind immer schwer beschäftigt und haben mich daher ins Internat gegeben. Am Anfang, als ich noch ganz klein gewesen bin, habe ich nur in den Ferien nach Hause fahren dürfen. Inzwischen ist das alles ein wenig lockerer geworden. Wenn ich will, kann ich jedes Wochenende nach Hause fahren. Aber meine Elern sind fast immer auf Reisen.“
„Wer kümmert sich dann um das Haus?“, Dalli wusste aus den zahlreichen Briefen, die sie auch schon früher mit Ethelbert gewechselt hatte, dass er in einem großen Haus wohnte.
„Es sind Dienstboten da, die halten alles in Schuss.“
„Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“
„Ihr habt doch auch ein Dienstmädchen auf dem Immenhof?“
„Trine, ja das stimmt. Aber die tut fast nichts. Die Hälfte der Zeit sitzt sie bloß da und starrt Löcher in die Luft. “Da arbeitet ja Hein noch mehr als sie, allerdings im Garten und bei den Pferden.“
„Hein ist Jochens Freund, kann man das so sagen?“
„Ja und nein. Ganz genau weiß ich das auch nicht. Solange ich mich erinnern kann, ist Jochen eines Tages in Malente aufgekreuzt. Abgemagert und zerlumpt. Angela und Dick und ich haben ihn angestarrt, wie das achte Weltwunder. Oma hat ihm dann das Forsthaus zur Pacht angeboten. Ich habe mich darüber gewundert, weil Jochen nicht so ausgesehen hat, als ob er viel Geld hätte.“
„Was ist aus dem Forsthaus jetzt geworden?“
„Es ist ja nach wie vor im Familienbesitz, allerdings wohnt im Augenblick niemand drin. Im Sommer haben einige der Gäste da gewohnt, als der Immenhof für ein paar Tage überbelegt gewesen ist.“
„Onkel Pankraz kommt bestimmt auch mal wieder. Er hat es mir versprochen.“
„Darauf freue ich mich schon jetzt.“, Dalli klatschte in die Hände.
Nun war die Reihe an Ethelbert zu husten.
„Und auf mich nicht?“
„Doch ja klar. Aber mit dir kann ich nicht so schön Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen.“
„Ich bin schon groß. Brettspiele sind nur etwas für Kinder. Zumindest behauptet das der Erzieher im Internat. Manchmal gehe ich an den Gemeinschaftsräumen vorbei, wo die Jungs der ersten und zweiten Klassen sind und denke mir: „Könnte ich doch auch so klein und sorglos sein?““
„Im Internat sind nur Jungs? Keine Mädchen.“
„Keine Mädchen. Da herrschen strenge Sitten.“, Ethelbert blickte auf die Uhr. „Wir haben Zeit.“
„Uff, dann bin ich beruhigt. Kram du mal ein wenig weiter, ich mach derweilen ein Nickerchen.“
„Das könnte dir so passen.“, Dalli spürte, wie Ethelbert sie bei der Hand nahm und hochzog. „Komm, wir suchen jetzt gemeinsam weiter. Vielleicht finden wir ja doch noch etwas passendes.“

Leider blieb die Suche ohne Erfolg. Ethelbert öffnete die Türe, die er vorhin fast ganz zugezogen hatte:„Es regnet nicht mehr. Oder zumindest nicht so stark. Lass uns wieder zurück ins Haupthaus gehen, bevor Onkel Pankraz noch einen Suchtrupp nach uns ausschickt.“
„Gute Idee, das machen wir. Ich habe Hunger. Hoffentlich gibt es bald etwas gutes zu essen.“

Nach dem Mittagessen brachen Ethelbert und Ralf schon auf, da sie eine weite Fahrt vor sich hatten. Dalli und Dick standen vor der Eingangstüre, winkten den Jungs so lange nach, bis sie diese nicht mehr sehen konnten.
„Für uns wird es auch langsam Zeit, nicht wahr?“
„Ja.“, Dick rieb sich die Augen. „Wenn du willst, helfe ich dir beim Packen.“
„Hast du geweint?“
„Nein, es ist nur … mir ist eine Mücke ins Auge geflogen.“
„Hier gibt es doch gar keine Mücken.“
„Musst du immer das letzte Wort haben?“, seufzte Dick. „Ich habe Ethelbert und dich beobachtet.“
„Was ist schon dabei? Ein harmloser Spaziergang, weiter nichts. Und dann haben wir im Schuppen Zuflucht vor dem Regen gesucht.“
Dalli scharrte mit einem Fuß im Kies, wie ein Pony, dass um ein Stückchen Zucker bettelte. Musste sie sich jetzt auch noch Dick gegenüber rechtfertigen?
„Onkel Pankraz hat auch alles gesehen.“
„Es ist auch sein Haus und sein Garten.“, Dalli verstand nicht, weshalb sich Dick so aufregte.
„Ich sollte mich da eigentlich nicht einmischen.“
„Na also. Ist das Thema dann erledigt? Packen kann ich auch alleine. Wann muss ich fertig sein?“

Eine halbe Stunde später reisten Dalli und Dick aus Eltville ab, erreichten pünktlich ihren Zug und trafen am frühen Abend in Malente ein. Es war gerade noch hell, aber die Dämmerung kündigte sich schon an.
„Jochen, wie nett, dass du uns abholst. Das wäre doch nicht nötig gewesen.“
„Ich kann euch um diese Tageszeit nicht alleine herumlaufen lassen. Stellt euch mal vor, ein Dieb käme und würde euch ausrauben oder etwas viel schlimmeres mit euch anstellen.“
Dick fröstelte, zog ihre warme Jacke eng an den Körper.
„Nur keine Panik. In diesem Dorf ist schon seit vielen Jahren nichts dergleichen geschehen.“
„Dann bin ich beruhigt. Mach das bitte ja nie wieder. Mein Blutdruck ist heute schon himmelhoch.“
„Nanu. Du bist doch noch so jung. Ich verstehe nicht, warum du dann jammerst. Oma hat auch hin und wieder einen hohen Blutdruck, aber das ist in ihrem Alter nichts ungewöhnliches mehr.“
„Kein Wunder, wo sie sich Sorgen um alles und jeden macht.“, quakte Dalli vorlaut dazwischen.
„Das ist nun mal der Lauf der Dinge.“, meinte Jochen, ruhig wie es seine Art war. „Ein bisschen mehr Verantwortung würde auch dir nicht schaden, Dalli. Nimm dir ein Beispiel an Dick.“
Dalli verdrehte die Augen. Musste denn das sein? Wieso fühlten sich alle für sie verantwortlich?
Also ob sie nicht alt genug wäre und selbst auf sich acht geben konnte? Dalli verstand manchmal die Welt nicht mehr. Im Umgang mit den Ponys bewies sie doch, dass sie Verantwortung tragen konnte. Warum zweifelten die Erwachsenen immer an ihr, behandelten sie wie ein kleines Kind?
Der Abend auf dem Immenhof ging ruhig und beschaulich zu Ende. Dalli wurde früh zu Bett geschickt, mit der Begründung, dass am nächsten Tag Schule sei. Dalli meuterte, wie es ihre Art war, musste aber dann klein beigeben. Was blieb ihr auch anderes übrig. Dick zog sich ebenfalls früh zurück. Dalli vermutete, dass sie einen langen Brief an Ralf schrieb oder noch ein wenig für die Schule lernte.

Die nächsten Tage und Wochen vergingen wie im Flug. Dalli jedenfalls kam es so vor, wenngleich sie noch nie in einem Flugzeug gesessen hatte. Aber diese Redensart kannte sie natürlich. Oma Jantzen hatte sie ihr einmal erklärt. Ende Oktober fiel der erste Schnee, aber er blieb nicht liegen. Erst Mitte November schneite es. So sehr, dass Jochen und Hein jeden Morgen, noch während die Mädchen und Margot und Oma Jantzen beim Frühstück saßen, bereits mit dem Schneeschaufeln begannen. Zwischen Haupthaus und Stall blieb nur ein schmaler Trampelpfad. Ein dicker Ast eines Apfelbaumes brach unter der Last des Schnees zusammen. Dalli beobachtete, wie Jochen den Ast vom Schnee befreite und, noch am gleichen Tag, im Kamin verfeuerte. Das Holz knisterte und verbreitete bald eine wohlige Wärme. Dalli hielt es allerdings nicht lange in der Stube. Es gab doch soviel zu tun: Die Ponys mussten versorgt werden. Nach einiger Zeit beruhigte sich das Wetter wieder. Der Schnee blieb liegen, doch es kam kein neuer dazu. Dalli wollte am liebsten, gleich nach der Schule hinunter zum See laufen, um sich mit ihren Freundinnen zu treffen. Oma Jantzen erlaubte es, aber erst nachdem die Schularbeiten gemacht worden waren und zwar ordentlich. Dalli versuchte, ihr bestes zu geben.
Die Noten im Zeugnis, das vor den Weihnachtsferien überreicht wurde, konnten sich sehen lassen. Dick hatte natürlich auch ein Zeugnis erhalten, allerdings mit deutlich besseren Noten.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag kamen Ethelbert und Ralf zu Besuch. Sie hatten einen Stapel Geschenke mitgebracht und erhielten auch welche. Mit Tee und Keksen versorgt saßen Dalli, Dick, Ethelbert, Ralf, Margot, Jochen, Hein und Oma Jantzen im Wohnzimmer. Trine hatte den Kamin eingeheizt und sich dabei beinahe die Finger verbrannt.
„Hier ist es gemütlich.“, Ethelbert lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Das glaube ich dir gerne.“
„Sprich nicht immer mit vollem Mund. Du willst doch ein Kavalier sein oder etwa nicht?“
„Doch ja, aber jetzt habe ich Ferien.“, antwortete Ethelbert auf Jochens Ansage.
Dalli lachte, prustete in ihren Tee, der noch viel zu heiß war, als dass man ihn trinken konnte.
„Oh diese ungezogenen Kinder.“, seufzte Oma Jantzen, die, wie so oft, an einer Strickarbeit saß.
„Lass man Oma. Die Kinder sind schon in Ordnung. Sie haben sich in den vergangenen Wochen so artig betragen, dass sie ab und zu mal über die Strenge schlagen können. Fast wie junge Fohlen.“
Dalli lachte wieder und steckte damit auch Dick, Ethelbert und Margot an.

„Schade, dass Mans heute nicht hier sein kann.“, meinte Dick nach einer Weile.
„Wieso das? Er hat doch versprochen, dass er vorbeikommt. Oder gibt es in der Schmiede soviel Arbeit?“
„Darf ich bei der Schmiede anrufen und fragen, was geschehen ist?“, bat Dick.
Es gab zwar ein Telephon auf dem Immenhof, aber das wurde nur genutzt, wenn es wirklich wichtig war. Dalli wusste das genau und nahm an, dass es Dick ebenso erginge.
„Ich werde morgen einkaufen gehen. Vielleicht sehe ich dabei Mans Mutter und kann dann Neuigkeiten mit ihr austauschen. Versprechen kann ich allerdings nichts.“
„Das wäre prima, Oma.“, Dick nahm sich noch einen Keks, aß ihn jedoch nicht selbst, sondern fütterte Ralf damit.
„Mund auf.“, hörte Dalli, sah jedoch niemanden. Gehorsam öffnete sie den Mund. Der Keks schmeckte ein wenig bitter. Daran war sie selbst schuld, sie hätte diesen nicht so lange im Ofen lassen sollen.
Das Füttern ging weiter. Als nächstes war Jochen dran, der Margot auf diese Weise versorgte.
„Wer füttert mich?“, wollte Oma Jantzen wissen.
„Hein, würdest du das bitte übernehmen?“
„Mach ich doch gerne, Käpt’n.“, grinste Hein, wie es seine Art war.

Dalli wunderte sich immer wieder darüber, dass Hein Jochen mit Käpt’n anredete und Ausdrücke der Seemansprache anstatt der Alltagssprache verwendete. Doch sie stellte keine Fragen.
„Möchte noch jemand etwas Tee? Die Kanne ist fast leer.“
Dalli hob die Hand, wie in der Schule. Auch Dick schloss sich mit dieser Geste an.
„Danke, ich habe noch.“, lehnte Ethelbert höflich ab. „Was ist mit dir, Ralf?“
„Eine zweite Tasse Tee hat noch keinem geschadet. Heute gönne ich mir diesen Luxus.“
„Dalli würdest du in die Küche gehen und noch etwas Tee aufbrühen?“, bat Oma Jantzen.
"Walzer .... Walzer hätt' ich auch gekonnt."
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Kapitel 6

Beitragvon Andrea1984 » Di 13.Feb.2018 20:52

„Ein Köhm wäre mir lieber.“, meinte Hein, der zwar eine Tasse Tee vor sich stehen, aber bisher keinen Schluck daraus getrunken hatte.
„Den haben wir nicht.“, wiegelte Oma Jantzen ab. „Nicht, dass du wieder einschläfst, wie im Sommer.“
Dalli lachte, während sie aufstand, um den Auftrag, welchen ihr Oma Jantzen gegeben hatte, auszuführen. In der Küche war es kühl, deutlich kühler als im Wohnzimmer. Dalli fröstelte und beeilte sich daher, den Tee so rasch wie möglich aufzubrühen. Vorsichtig trug das Mädchen die Teekanne, stellte sie behutsam auf einem der Beistelltisch ab. Dann füllte Dalli die leeren Tassen mit Tee.
Aus dem Radio erklang leise Musik. Dalli konnte die Klänge zuerst nicht zuordnen, nahm daher an, dass es sich um einen Kennmelode, welche im Radio stets zur vollen Stunde ertönte, handelte.
„Das ist doch die 5. Symphonie von Beethoven!“, rief Ethelbert aus.
„Woher weißt du das?“
„Ich habe etwas in der Schule darüber gelernt. Beethovens ruhige Stücke schätze ich sehr.“
„Mir sind die Melodien von Mozart lieber, so heiter und schwungvoll. Beethoven hat etwas düsteres, schwerfälligeres an sich. Überdies kann man zu den Melodien von Beethoven nicht tanzen.“

Während des Einschenkens des Tees bei Ralf und Dick, lauschte Dalli sowohl der Musik, als auch der Diskussion von Dick und Ethelbert, die auf einer sachlichen Ebene geführt wurde. An diesem Tag trug Ethelbert anstatt der sportlichen Reitkleidung einen dunkelblauen oder schwarzen Anzug über dem weißen Hemd und einer dunklen Krawatte dazu. Seine Haare waren feucht, als ob er sie entweder gestern oder heute frisch gewaschen hätte. Dalli hätte Ethelbert am liebsten für seine schöne Aufmachung gelobt. Aber: Gehörte sich das vor allen Leuten? Und: Was sagte man in diesem Fall?

Nachdem die 5. Symphonie verklungen war, stand Jochen auf, ging hinüber und drehte das Radio wieder ab: „Wir sind doch nicht zum Radio hören hier, oder?“
„Was wollt ihr unternehmen, Jungs? Ihr seid unsere Gäste, also dürft ihr heute bestimmen.“
„Ich würde gerne nach Schneewittchen sehen, aber dafür bin ich viel zu fein angezogen.“, meinte Ethelbert. „Sie ist doch im Stall, oder?“
„Das weiß ich nicht.“, antwortete Jochen. „Ich habe zwar heute in der Früh nach den Ponys gesehen und da ist alles in Ordnung gewesen. Die Ponys entscheiden selbst, ob sie nach draußen gehen wollen oder nicht. Einige, besonders die jüngeren toben gerne im Schnee herum, während die älteren doch lieber im warmen Stall bleiben, weil der besser für ihre alten Knochen ist.“
„Dann siehst du eben morgen nach ihr?“, schlug Dalli vor. Sie neigte dazu, alles, was nicht unmittelbar wichtig war, auf den nächsten Tag zu verschieben. Dazu gehörten die unliebsamen Hausaufgaben.
„Glaubst du wirklich, dass Ralf und Ethelbert mal eben so über Nacht hier bleiben können?“
„Platz ist doch genug, in einem der Gästezimmer. Und wenn die Jungs keinen Pyjama mithaben, dann kann ihnen halt Jochen einen ausleihen.“
Nun war es Ethelbert, der in schallendes Gelächter ausbrach. Dalli begriff zuerst nicht, warum. Erst nach einer Weile dämmerte es ihr. Sie blickte Ethelbert genauer an und stellte fest, dass er, seit der vorigen Begegnung im September, ein gutes Stück gewachsen war.
„Jetzt muss ich zu dir hinaufschauen, mein Junge.“, meinte Jochen, der inzwischen wieder Platz genommen hatte und seine Pfeife stopfte. „Du hast dich prima herausgemacht in den letzten Jahren.“
Dalli kam es vor, als würde Ethelbert, diesmal voller Stolz um ein paar Zentimeter mehr wachsen.
„Mach dir keine Sorgen, wir haben alles nötige dabei.“, ergriff nun Ralf das Wort. „Dr. Westkamp hat mir frei gegeben, bis zum neuen Jahr, weil er im Winter weniger Aufträge hat.“
„Eigentlich müsste ich mich mit dir freuen, aber …“
„Nun was ist, Dicki? Jetzt ist doch dein Wunsch in Erfüllung gegangen, dass du mich ein paar Tage bei dir hast.“
Ralf beugte sich zu Dick, strich ihr eine Träne von der Wange.
„Wenn du nichts arbeitest, verdienst du doch auch nichts. Das ist dann irgendwie doof.“
„Ich bekomme mein Gehalt ja trotzdem oder gerade deshalb weiter, weil ich sozusagen Urlaub habe.“
„Oh, das ist natürlich etwas anderes.“
„Wir können hier nicht ewig rumsitzen. Ich brauche Bewegung.“
„Zappel doch nicht so herum, Dalli. Du bist kein kleines Kind mehr. Abgesehen davon ist es jetzt schon finster draußen. Du würdest dich nur verlaufen, selbst auf dem Weg vom Haus zum Stall.“
„Morgen ist ja auch noch ein Tag.“, ergänzte Jochen ruhig, wie es eben seine Art war.
„Wenn du dich unbedingt noch bewegen willst, dann kannst du ja Hannes beim Ausmisten helfen. Die Stallarbeit schafft er nicht alleine.“
Dalli blickte an sich herunter: Das hellblaue Kleid mit der großen Schleife auf dem Rücken war für die Stallarbeit absolut nicht geeignet. An den Feiertagen legte Oma Jantzen stets großen Wert darauf, dass die Mädchen ihre besten Kleider trugen und sich, nicht mehr als nötig, schmutzig machten.
„Ich werde mit Hannes reden, ob er Hilfe braucht.“, mit diesen Worten verließ Jochen das Wohnzimmer.
„Was gibt es neues bei dir? Wie geht es deiner Familie?“, wollte Dick von Ralf wissen.
„Ganz gut. Meine Schwester hat sich verlobt und will im nächsten Frühjahr heiraten. Vater hat schon, als Familienoberhaupt, seinen Segen dazu gegeben. Es ist nicht gerade einfach für meine Schwester gewesen, einen Mann zu finden.“
„Wieso das? Ist sie etwa anspruchsvoll, was das Aussehen oder den Charakter betrifft?“
„Nein, das nicht. Aber es sind viele Männer, die altersmäßig zu ihr gepasst hatten, als Soldaten im Krieg gewesen und entweder verwundet worden oder gar nicht mehr heimgekommen.“
„Ach so ist das. Wenn es sich ergibt, würde ich deine Familie gerne mal persönlich kennenlernen.“
„Ich werde mit meinen Eltern darüber reden. Allerdings sehe ich sie erst im nächsten Jahr wieder.“
„Das finde ich prima von dir. Dafür würde ich dir einen Kuss geben.“
„Tu das. Ein harmloser Kuss auf die Wange ist doch eine nette Geste, mehr nicht.“
„Oma Jantzen sieht uns doch dabei zu. Was mag sie sich nur denken?“

„Auf mich braucht ihr keine Rücksicht zu nehmen, Kinder. Ich habe doch gesehen, dass ihr euch liebt. Wenn es euch unangenehm sein soll, dann gucken wir eben mal kurz weg.“
„Nur zu: Worauf wartet ihr noch?“, rief Dalli, vorlaut wie es ihre Art war.
„Das lassen wir uns doch nicht zweimal sagen.“, Ralf wandte sich Dick zu, erst zögernd, dann forscher. Langsam berührten sich ihre Lippen. Beim Zusehen bekam Dalli Stielaugen.
„Ob es einmal jemanden geben wird, der mich auch so intensiv küsst? Dick legt ihre Hände zu Ralfs Hals. Vorsichtig, als ob sie Angst hat, ihn dabei zu verletzen.“
Dalli unterdrückte mühsam ein Seufzen. Wozu denn ins Kino gehen, wenn sie ein glückliches Paar direkt vor der Nase auch zu Hause hatte?

Jochen kam wieder zurück, versicherte, den Ponys gehe es gut, besonders Schneewittchen. Hannes habe die Ponys und auch die Großpferde für heute alleine versorgt, das schaffe er gerade noch.
„Morgen helfen wir ihm aber dabei. Es kann doch nicht sein, dass wir nur herumsitzen und faulenzen.“
Ralf zog Dick näher zu sich heran, legte ihr einen Arm um die Schultern.
„Dafür seid ihr doch da: Gäste, wie die Feriengäste im Sommer auch. Außerdem gibt es im Winter weniger Arbeit. Ihr könnt euch also ruhig entspannen.“, sagte nun Margot, die an diesem Tag bisher nur wenig geredet hatte.
„Wir sind doch Erwachsen und können arbeiten wie die Großen.“
„Ralf ist volljährig, das stimmt, aber du, Ethelbert, bist es leider noch lange nicht.“
„Wenn ich dann endlich einmal groß bin, dann …“
„Ja was dann..“, neckte Jochen. „Bis dahin hast du noch einige Jahre Zeit, um zu überlegen, was du aus deinem Leben machen möchtest.“
„Oh, das brauche ich nicht. Eines Tages werde ich das Gut meiner Eltern übernehmen, eines fernen Tages hoffe ich.“
„Bis dahin wird viel Wasser den Rhein hinunterfließen.“, ergänzte Margot.
„Jetzt sitzen wir immer noch herum. Ich will endlich wieder was tun.“, Dalli zappelte herum, wie ein Goldfisch auf dem Trocknen.
„Gut, dann kannst du dich um den Abwasch kümmern. Ein großer Berg an Geschirr wartet in der Küche auf dich.“, bestimmte Oma Jantzen. „Oder möchtest du mir lieber beim Aufwickeln der Wolle helfen?“
Dalli verzog das Gesicht, als ob sie Zahnschmerzen hätte.
„Das mit dem Entspannen gilt auch für dich Oma.“, ergriff nun Jochen wieder das Wort.
„Ich entspanne mich nun einmal am besten, wenn ich Wolle aufwickeln kann.“, konterte Oma Jantzen. „Da Dr. Pudlich heute nicht hier sein kann, weil er Bereitschaftsdienst hat, so brauche ich einen anderen Freiwilligen dafür.“
„Was machst du nur mit der vielen, aufgewickelten Wolle? Das wollte ich schon immer mal wissen.“
„Ach alles mögliche: Mal einen Pullover, dann ein Paar Socken, was gerade gebraucht wird. Die Wolle wegzuwerfen, das wäre doch schade.
Ethelbert öffnete den Mund, wollte offenbar etwas sagen, aber kein Ton kam heraus.
Jochen warf Ethelbert einen Blick zu, aus dem Dalli nicht schlau wurde.
„Was ist nun mit dem Abwasch?“
„Ist ja gut, ich gehe schon.“, Dalli stand auf, um ein Tablett zu holen, mit welchem sie die nunmehr leere Teekanne, die leeren Teetassen, die Teelöffel und die Zuckerdose in die Küche tragen konnte.
Beim Abwaschen wurde Dalli schnell wieder warm. Sie empfand es, beinahe als Lob, von Oma Jantzen im Haushalt und bei den Tieren gebraucht zu werden. Alles war besser, als das ständige Lernen für die Schule. Nachdem Dalli mit dem Abwaschen fertig war, wollte sie wieder ins Wohnzimmer gehen, um schnell noch die Nachrichten oder den Wetterbericht anhören zu dürfen.
„Der Wetterbericht sagt gutes Wetter für morgen voraus.“, berichtete Ethelbert mit leuchtenden Augen. „Wir können also reiten gehen oder spazieren gehen oder was auch immer in der Natur tun.“
„Ich weiß etwas, ich weiß etwas.“, Dalli würde am liebsten wie ein kleines Kind durchs Zimmer hopsen, doch sie beherrschte sich, da sie als erwachsen wahrgenommen werden wollte.
„Na was denn? Hat es etwas mit den Pferden zu tun?“
„Ganz bestimmt. Wir können doch mit dem Schlitten in Ruhe durch die Landschaft fahren.“
„Alle zusammen einem Schlitten? Oder jeder für sich?“
„Soviele Schlitten haben wir nicht, da wird es wohl einer für alle vier oder fünf tun.“, ergänzte Jochen.
„Wieso fünf?“, wollte Dalli wissen.
„Ich kann euch Mädels doch nicht alleine mit den Jungs losziehen lassen. Da könnte wer-weiß-was passieren.“
„Außerdem muss einer die Pferde lenken, das ist nur etwas für ‚nen starken Mann.“, prahlte Ethelbert.
„Gib nicht so an. Aber im Grunde hast du schon recht. Einige Ponys sind das Fahren vor dem Schlitten noch nicht gewöhnt und würden daher schnell durchgehen. Deshalb muss immer ein Erwachsener dabei sein, damit euch und auch den Ponys nichts geschieht. Das seht ihr doch ein?“
Dalli nickte: Ja, sie hatte verstanden. Und war felsenfest davon überzeugt, dass ihr nichts geschehen konnte, solange die Ponys, die ja gut dressiert waren, im Schritt oder in einem leichten Trab gingen.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, spannten Dalli und Dick die Ponys ein, während Ethelbert, Ralf und Jochen den Schlitten vorbereiteten. Die Ponys stampften mit den Hufen, als ob sie endlich loslaufen wollten und es gar nicht mehr abwarten konnten, endlich wieder ins Gelände gehen zu dürfen. An diesem Tag kam die Sonne nur zeitweise hinter den dichten Wolken hervor. Es war so kalt, dass Dalli ihren Atem deutlich in der Luft sehen konnte. Immer wieder hauchte sie in ihre Hände, um die Finger warmzuhalten. Handschuhe trug sie zwar, aber die waren vom vielen Tragen sehr durchlässig geworden. Ihre langen Locken fielen, unter der blauen Mütze auf die Schultern herab, während Dicks kurze Locken sich problemlos unter einer braunen Mütze, die gut zu den gleichfarbigen Handschuhen passte, verbergen ließen. Auch die Jungs trugen Mützen und Handschuhe. Ethelbert in grün, Ralf in rot. Dalli hingegen bevorzugte blaue Handschuhe und eine blaue Mütze, da blau nun einmal ihre Lieblingsfarbe war und überdies gut zu ihren blauen Augen passte.

„Worauf warten wir noch?“, wollte Dalli wissen.
„Auf Margot. Sie möchte auch mitfahren, hat aber zuvor noch Oma in der Küche geholfen. „
„Ach so, dann bin ich beruhigt. Wir können doch Oma und Hein und Hannes auch mitnehmen.“
„Das hält doch der Schlitten nicht aus.“, antwortete Jochen entrüstet. „Da kommt Margot schon. So nun nehmt eure Plätze ein. Wer möchte vorne neben mir und wer auf der Rückbank sitzen?“

Eine Weile wurde diskutiert. Dalli wollte am liebsten vorne sitzen, weil sie dort alles am besten sehen konnte. Ethelbert argumentierte, er habe als Gast auf dem Immenhof Anspruch darauf, den Platz in der ersten Reihe einzunehmen. Dick entgegnete, sie sei klein und könnte nichts sehen, wenn ständig jemand großer vor ihr säße. Ralf hingegen meinte, er bekäme in der freien Natur immer genug Inspiration für neue Zeichnungen. Er mochte lieber hinten sitzen, damit das Gewicht gleichmäßig auf dem Schitten verteilt wurde. Schließlich einigte man sich darauf, dass Jochen zwar den Schlitten lenkte, wie es abgemacht war, allerdings von der Rückbank und nicht von der ersten Reihe aus.
Auch Ethelbert und Ralf saßen hinten, während die Mädels, wozu Dalli auch Margot zählte, vorne sitzen durften. Selbstverständlich in dicke Decken eingewickelt. Dalli schnupperte. Es roch nach frischem Heu. Offenbar hatte eines der Ponys sich in der Nacht oder in der Früh im Heu gewälzt.
Jochen gab das Signal zum Abfahren, in dem er leise mit der Zunge schnalzte. Vorsichtig nahm er die Zügel auf. Schon setzten sich die Ponys in Bewegung. Dalli blickte aufmerksam umher, um sich nur ja nichts entgehen zu lassen. Wie ruhig alles wirkte. Die Bäume, der Bach, der unter einer dichten Schneedecke lag, das Eichhörnchen, welches gerade einen Baum hinaufkletterte.
Dalli hatte das alles schon oft gesehen, doch sie war noch nie so glücklich wie heute gewesen. In diesem Augenblick kam ihr zu Bewusstsein, wie gut es sie es auf dem Land hatte. Plötzlich blieben die Ponys stehen. Der frische Geruch nach Harz und Tannennadeln mischte sich mit einem speziellen Apfel.
„Oh, das ist wieder typisch, Blessie. Wir wollen doch schneller fahren und dann muss er ausgerechnet jetzt etwas fallen lassen.“, jammerte Ethelbert.
„Von schneller fahren ist nie die Rede gewesen. Wir haben es ja nicht eilig. Oma Jantzens gemütliches Sofa steht auch in einer Stunde noch da.“
„Diese Ruhe, einfach herrlich.“, schwärmte Ralf. „In der Stadt ist es immer so hektisch, so laut. Motoren dröhnen, Glocken klingeln und wenn es mal wirklich für einen Augenblick zumindest ruhig ist, dann rast die Feuerwehr mit 120 Sachen vorbei, weil sie dringend einen Brand löschen muss.“
„Das Leben in der Stadt wäre nichts für mich.“, nuschelte Dick in ihren warmen Schal, den sie sich bis zum Mund hinaufgezogen hatte, um sich vor der Kälte zu schutzen. „Hier ist es doch viel schöner.“
„Blessie, würdest du bitte dein Gesäß in Bewegung setzen.“, verlegte sich Ethelbert aufs Bitten.
Als ob das Pony ihn verstehen konnte, verfiel es in einen leichten Schritt.
„Brav, dafür hast du dir nachher auch ein Stück Zucker verdient.“
„Ein Stück Brot wäre besser: Zucker ist doch schlecht für die Zähne.“, meinte Margot besorgt.
„Ach was: Blessie frisst doch beinahe alles.“
„Nicht, sonst wird er noch zu dick.“, Dick schob den Schal von ihrem Gesicht herunter.
„Wie der Herr, so das G’scherr.“, setzte Dalli eines drauf.
„Was willst du damit sagen?“, ein neutraler Tonfall von Ethelbert.
„Schneewittchen ist nicht dick, sie steht nur gut im Futter.“, zog sich Dalli aus der Affäre.
„Seid doch mal bitte für einen Augenblick still.“, Jochens Stimme eindeutig. „Ich kann mich nicht auf das Lenken konzentrieren, wenn ihr die ganze Zeit durcheinander redet.“
„Ist ja schon gut.“, lenkte Dalli ein. „Manchmal gehen eben die Pferde mit mir durch.“
„Hoffentlich kann man diese Redensart heute nicht allzu wörtlich nehmen.“, ergänzte Ethelbert.
„Nur keine Sorge, ich hab’s ja auch nicht so gemeint, Kinder. Nun beschleunigen wir mal das Tempo ein wenig: Blessie, Emil. Wie wäre’s mit einem leichten Trab? Ein Galopp ist mir zu schnell.“
Erst langsam, dann immer schneller setzten sich die Ppnys in Bewegung. Nach einer Weile im schnellen Trab, parierten sie wieder zum Schritt durch. Dalli war stolz auf Jochen. Und wie gut die Ponys ihm gehorchten, dabei war er im Umgang mit ihnen noch nicht so gut geübt, wie im Umgang mit den Großpferden, die er vor einigen Jahren auf den Immenhof mitgebracht hatte.

Nach der Schlittenfahrt versorgen Dalli, Dick und Ethelbert die Ponys, während Margot in der Küche stand, um Oma Jantzen zu helfen. Ralf ging, gemeinsam mit Jochen auch nach drinnen.
„So, nun seid ihr fertig geputzt.“, Dick gab Blessie einen leichten Klaps auf die Kruppe. „Dass ihr euch nicht wieder so lange im Dreck wälzt, wie das letzte Mal.“
Blessie wieherte noch einmal kurz und lief dann auf die Weide, während Emil, ein kleiner weißer Wallach, in der Nähe des Zaunes stehen bleib und die Nase Richtung Boden steckte.
„Ein Pferd oder zumindest ein Pony müsste man sein.“, seufzte Ethelbert.
„Wieso das denn?“
„Ganz einfach: Da bekommt man alles, ohne sich großartig dafür anstrengen zu müssen: Futter, Wasser, Streicheleinheiten.“
„Oh, Blessie kann ganz schon viele Kunstücke. Ich hab ihm einige beigebracht.“, meinte Dalli.
„Und was bekommt er dafür?“
„Eine Streicheleinheit und vielleicht noch ein Leckerli, je nach dem, was gerade übrig ist.“
„Seht mal, wer da ist. Hallo, was machst du denn hier?“, Dick bückte sich, um die Katze Minka, die gerade aus dem Stall gelaufen kam, hochzuheben. „Wo hast du denn so lange gesteckt?“
Dalli hörte, wie Minka schnurrte und die Augen halb schloss.
„Jetzt streichle ich sie noch, aber sanft, damit sie nicht wieder aufwacht.“
„Eine Katze ist doch was feines. Sie fängt bestimmt ab und an mal eine Maus.“
„Fast täglich. Oma Jantzen ist nicht begeistert davon, auf der Fußmatte eine tote Maus zu finden.“
Dalli grinste bis über beide Ohren, während Ethelbert die Nase rümpfte.
„Und was macht ihr dann?“
„Minka loben und die Maus heimlich, wenn Minka es nicht mitbekommt, in die Tonne werfen.“
„Igitt, dabei vergeht mir doch fast der Appetit.“
„Naja, du hast ja gefragt.“, Dalli zuckte mit den Schultern. „Was machen wir jetzt?“

„Essen gehen. Oma schimpft bestimmt, wenn wir zu spät zum Essen kommen.“, antwortete Dick. „Lasst uns noch schnell die Hände waschen.“
„Ich habe einen Hunger wie sieben Wölfe. Bestimmt gibt es wieder Klöße.“, behielt Dalli das letzte Wort. An diesem Tag lag sie jedoch daneben. Fisch und Gemüse wurden aufgetragen.

Ralf bat darum, sich das Rezept des Fisches geben zu lassen. Seine Mutter koche gerne und probiere immer etwas neues dabei aus. Das Rezept kenne er noch nicht, doch es schmecke vorzüglich.
Oma Jantzen war tatsächlich am Vormittag einkaufen gewesen, allerdings hatte sie keine Spur von Mans Mutter gesehen, was in der Masse von vielen Spuren, die kreuz und quer durch das Dorf verliefen, auch kein Wunder sei.
„Mach dir mal keine Sorgen, Mans hat bestimmt daheim in der Schmiede viel zu tun.“
„Das hoffe ich auch, aber ich habe ein ungutes Gefühl.“, meinte Dick, während sie den Fisch zerteilte und von den Gräten befreite.
„Sieh doch nicht immer alles gar so schwarz. Wenn man in deine Jahre kommt …“, neckte Dalli. Ja, sie durfte sich diesen Tonfall ihrer Schwester gegenüber erlauben. „… wird man bequem.“
Zuletzt geändert von Andrea1984 am Do 05.Apr.2018 20:49, insgesamt 2-mal geändert.
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Kapitel 7

Beitragvon Andrea1984 » Mi 28.Feb.2018 20:58

Nach dem Essen wollte Dalli eigentlich zu den Pferden und den Ponys in den Stall gehen, merkte jedoch, dass sie ihre neue Reithose oben im Zimmer vergessen hatte. Auf dem Weg dorthin, hörte Dalli das Rascheln einer Zeitung. Vermutlich las Jochen darin, da Oma Jantzen immer flink auf den Beinen war und keine Zeit zum Zeitungslesen hatte.
„Was soll aus dem Forsthaus werden? Es steht nun schon seit über einem Jahr leer.“, Jochens Stimme eindeutig. Dalli blieb stehen. Das klang ja interessant, was es da zu hören gab.
„Die Pacht fällt weg. Schade, weil es eine gute Einnahmequelle gewesen ist.“
„Man müsste, das Forthaus neu verpachten. Vielleicht an Gäste aus der Stadt?“
„Dafür ist es nicht eingerichtet. Und für eine Renovierung fehlt uns das Geld.“, antwortete Oma Jantzen.
„Die Gäste würden bestimmt einen guten Preis bezahlen. Es wäre ja nur für ein paar Tage. Dann kommen wieder neue Gäste, die wieder etwas Geld in die Kassa bringen.“, diesmal war es Margots Stimme.
Dalli duckte sich nahe an der Wand entlang, um nicht gesehen zu werden. Sie konnte daher nur hören, was im Wohnzimmer vor sich ging.
Die Zeitung raschelte. Offenbar legte jemand sie weg.
„Ich weiß nicht recht. Schau dir doch mal das Forsthaus an. Für Hein und für dich hat es ja noch gereicht, weil ihr nicht viel gebraucht habt. Aber die Gäste wollen nur das teuerste und das beste haben. Strom und fließendes Wasser und wer weiß was noch alles. In jedem Zimmer ein Radio.“
„Das Forsthaus leer stehen lassen, ist auch keine Option, weil es dann schnell verfällt.“
„Ich sehe morgen nach dem Rechten.“
„Würdest du? Das wäre nett von dir, Jochen.“
Schritte klapperten. Jemand durchquerte das Wohnzimmer. Das Sofa knarrte. Wer auch immer gerade herumgewandert war, hatte sich nun wieder hingesetzt.
„Ich komme mit. Zu zweit können wir uns es vor dem Kamin gemütlich machen und einfach mal ein paar Stunden genießen. Hier ist doch immer etwas los. Entweder die Tiere brauchen dich oder die Mädels.“, meinte Margot. „Und im Sommer haben wir, wegen der vielen Gäste fast kaum eine ruhige Minute für uns gehabt.“
„Dick ist schon richtig verständig, fast wie eine junge Dame. Dalli hingegen.“, Oma Jantzen seufzte. „Ich habe sie einfach zu sehr verwöhnt.“
„Du hast ihnen ein Zuhause gegeben. So selbstverständlich ist das nicht gewesen.“, sagte Margot.
„Und die Mädels arbeiten hart. Sie wissen, dass die Milch nicht aus der Packung, sondern von der Kuh kommt. Viele Kinder haben heutzutage keine Ahnung mehr, wie es auf dem Land zugeht.“
„Wie wahr. Es kommt mir so vor, als sei es erst gestern gewesen, dass Angela, Dick und Dalli aus heiterem Himmel auf dem Immenhof angekommen sind, dabei ist das schon viele Jahre her.“
„Wenn wir einmal eine Tochter haben sollten, wäre es dir recht, wenn sie den Namen Angela bekommen würde?“
„Ich wollte dir gerade dasselbe vorschlagen. Auch wenn ich Angela nicht gekannt habe, so ist sie doch ein Teil deines Lebens, den ich akzeptieren muss.“
„Von „müssen“ kann nun wirklich keine Rede sein.“, antwortete Jochen ruhig. „Ich habe Angela auch geliebt, auf eine andere Weise als ich dich liebe.“
„Ich dachte, du hast mich nur des Geldes wegen geheiratet?“, Dalli konnte den neckischen Tonfall deutlich heraushören.
„Oh ein bisschen Mitgift hat noch keinem geschadet. Und wir können, deinem Vater sei dank, wieder auf dem Immenhof leben. Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet.“
„Wie wäre es, wenn ich mit Pappi bezüglich des Forsthauses rede? Vielleicht kann er uns helfen, wie wir das Problem am besten lösen können?“
„Er ist doch beruflich im Ausland?“, wunderte sich Oma Jantzen.
„Das stimmt, Doch er kommt, so Gott will, in ein paar Wochen wieder zurück. Seine Geschäfte müssen ja das ganze Jahr über laufen, im Winter, wie im Sommer. Wenn er nicht in Eltville ist, dann gibt Erika auf alles acht.“
„Die Pferde und die Ponys haben im Winter so etwas wie Schonzeit. Einige Stuten sind trächtig und sollen im kommenden Frühjahr niederkommen. Zwei der Stuten sind schon zu alt, um zugelassen zu werden und zwei weitere der Stuten, darunter Schneewittchen, noch zu jung.“

Dalli schlich sich leise davon, weil sie schon genug gehört hatte. Ja, es stimmte. Sowohl, das mit dem verwöhnt werden, als auch mit dem hart arbeiten. Dalli war sich durchaus im klaren darüber, dass andere Kinder es nur halb so gut wie Dick und sie hatten. Frische Luft gab es in den Großstädten nicht, da überall Fabriken aus dem Boden schossen und Autos mit den Abgasen einen fürchterlichen Gestank verbreiteten. Dalli schüttelte sich, wie ein Hund, der in den starken Regen gekommen war.
Schnell nahm sie ihre Reithose, kleidete sich um und huschte in den Stall, wo schon die Pferde und die Ponys warteten.
Nicht nur jene, sondern auch Hein war da. Er mistete gerade eine leerstehende Box aus.
Dalli fragte, ob sie etwas helfen dürfe. Hein nickte.
„Was liegt an?“
„Blessie muss geputzt werden. Er hat sich heute Vormittag mal wieder in seinem eigenen Mist gewälzt.“
„Na dann wollen wir sehen, ob wir dich wieder sauberbekommen. Das wäre doch gelacht.“
Dalli holte sich einen Striegel und eine Bürste, ging hinein in die Box, wo Blessie schon wartete.

Eine Weile war alles ruhig. Blessie malmte mit den Zähnen, als ob er etwas sagen wollte. Dalli redete leise mit dem Wallach, sprach mit ihm. Sie war überzeugt davon, dass er alles verstand. Auf dem Immenhof waren viele der Hengste, sobald sie das entsprechende Alter erreicht hatten, gelegt worden, um Rangstreitigkeiten zu vermeiden. Es gab jeweils bei den Großpferden und bei den Ponys nur einen Hengst, der für die Zucht zuständig war. Mehrere Hengste in einer Herde würden das gute Einvernehmen, dass zwischen den Tieren bestand, auf Dauer zerstören, da jeder der Boss sein wollte. Nur selten wurde ein Hengst als solcher geboren und auch verkauft. Viele der Käufer zogen Stuten oder Wallache vor, da jene sich leichter als die wilden Hengste dressieren ließen.

Während Dalli auch die anderen Ponys versorgte, die im Stall standen, lauschte sie, mehr aus Höflichkeit, als aus wahrem Interesse, den alten Geschichten, die Hein erzählte. Dalli war überzeugt davon, dass viele der Geschichten entweder übertrieben oder erlogen ware, wollte jedoch dem alten Herren die Freude am Erzählen nicht verderben. Außerdem: Wann gab es schon mal die Gelegenheit mit Hein alleine zu sein und in Ruhe zuzuhören? Oft wurden die Erzählung unterbrochen, weil es entweder für Dalli oder für Hein etwas im Stall oder im Haus zu tun gab oder es war zu spät und Dalli wurde zu Bett geschickt, obwohl sie viel lieber aufgeblieben wäre. Besonders abenteuerlich hörten sich die Geschichten meistens an, weil Hein etwas Köhm oder Portwein konsumiert hatte.

„Dalli? Hier steckst du. Ethelbert und Ralf wollen abreisen.“, Dick steckte den Kopf zur Türe hinein.
„Schon? Ich dachte, sie wollten noch einige Tage bleiben.“, Dalli legte die Mistgabel beiseite. „Kommst du auch mit Hein?“
„Ja, natürlich. Hier im Stall ist schon alles erledigt. Außerdem habe ich Lust auf einen guten Tropfen.“
Dalli empfand, als sie sich von Ethelbert verabschiedete, ein seltsames Ziehen in der Magengegend, als ob sie Schmetterlinge im Bauch hätte.
„Ich wäre gerne länger geblieben.“, meinte Ethelbert. „Aber Ralf besteht auf der Abreise.“
„Oh, das liegt nicht an mir, sondern an Dr. Westkamp. Er hat kurzfristig einige Aufträge bekommen, welche er an mich weiterleitet und die auch gut bezahlt werden. Von Luft und Liebe alleine, kann ich nicht leben, das weißt du doch ebenso.“
„Schreibst du mir?“, Dick sah Ralf mit flehenden Blicken an.
„Natürlich. Das verspreche ich dir. So und nun halt die Ohren steif. Wir sehen uns bestimmt wieder.“
„Warum bleibst du nicht alleine hier?“, wollte Dalli von Ethelbert wissen. „Du hast bestimmt genug Geld, um mit der Bahn von Hamburg nach München zu fahren und bist nicht von Ralf abhängig?“
„Wenn das so einfach wäre. Außerdem habe ich Ralf seit Monaten nicht mehr gesehen. Und möchte auch etwas Zeit mit ihm verbringen. In Lübeck ist überdies mehr los, als hier in Malente.“
„Wer wartet denn dort auf dich? Niemand. Ralf muss arbeiten.“, Dalli war den Tränen nahe. „Und deine Eltern auch. Hier bekommst du alles, was du willst: Gutes Essen, ein warmes Dach über dem Kopf und viele nette Ponys, die sich auf Streicheleinheiten von dir freuen. Ganz bestimmt.“
„Dalli. Was soll das? Das wird nur peinlich.“, Dicks Kopf war rot, wie eine reife Tomate.
„Irgendwie hat Dalli schon recht. Ich werde in den nächsten Tagen viel zu tun haben und wenig oder keine Zeit haben, mich um dich zu kümmern.“, sagte Ralf. „Dann ist es besser, wenn du hier bleibst.“

Das Ende vom Lied war, dass nur Ralf abreiste und Ethelbert auf dem Immenhof blieb, sogar bis zum Jahreswechsel, allerdings nach diesem gleich wieder zurück nach München fahren musste, um dort für das Abitur zu lernen, wie er es seinen Eltern versprochen hatte. Dalli freute sich sehr darüber, ließ sich jedoch ihre Freude nach außen hin nicht anmerken. Vielleicht ergab sich, wie schon in Eltville, eine Gelegenheit mit Ethelbert unter vier Augen zu plaudern, einfach nur so. Aber diesmal war das Schicksal gegen Dalli. Ethelbert half zwar überall brav mit, unter anderem beim Versorgen der Tiere und bei anderen Reperaturarbeiten, die im Haus und im Stall anfielen, vermied jedoch jedes vertrauliche Gespräch. Dalli verstand nur Bahnhof: Hatte sie Ethelbert etwa zu sehr bedrängt?
Erst kurz vor seiner Abreise konnte sie mit ihm darüber reden. Ethelbert meinte, er sei im Stress und könne sich ein paar Tage ausspannen eigentlich nicht leisten.
„Bist du mir böse, weil ich dich mit dem Vorschlag hier zu bleiben, überrumpelt habe?“
„Nein, wie kommst du darauf. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich immer, hier sein zu dürfen.“
Dalli lächelte erleichtert und sah, wie Ethelbert diese Geste erwiederte.
„Wirst du mir schreiben? Oder hast du dafür keine Zeit?“
„Warum soll ich dir schreiben? Soviel passiert bei mir nicht.“
„Ralf schreibt ja auch mit Dick.“
„Das ist was anderes.“, Ethelbert ging hinüber zum Schrank, nahm zwei Hemden heraus, legte sie sorgfältig in den Koffer, welcher auf dem Bett ausgebreitet war. „Die beiden sind befreundet.“
„Mehr als das. Ich glaube, dass Dick Ralf wirklich liebt. Aber bei ihm bin ich mir nicht sicher.“
„Ralf hat nur wenige Freunde. Er schließt nicht so schnell Freundschaft. Wenn er jemanden mag, kannst du davon ausgehen, dass Ralf es auch wirklich so meint.“
„Mögen alleine ist zu wenig. Ich glaube, wenn er Dick das Herz brechen würde, sie käme nie darüber hinweg. Er ist nun mal ihre große Liebe.“
„Ich dachte, sie mag mich.“, Ethelbert schloss den Koffer zu, setzte sich auf das Bett.
„Wie einen Bruder, den sie nie gehabt hat. Kannste mir schon glauben, dazu kenne ich Dicki gut genug.“
„Ich habe auch mit ihr geschrieben. Allerdings bin ich ein wenig schreibfaul gewesen.“
„Na siehste. Was mit Dicki geht, geht dann mit mir auch. Oder was spricht dagegen?“
„Eigentlich nichts. Also gut: Ich werde dir schreiben. Erwarte dir jedoch nicht zuviel von mir.“

Erst nach zwei Wochen hielt Dalli den ersten Brief von Ethelbert in den Händen. Sie las und beantwortete ihn, so schnell sie konnte. Die Antwort seinerseits ließ jedoch auf sich warten. Dalli machte sich keine großen Sorgen, sie wusste ja, dass Ethelbert viel zu tun und daher wenig Zeit zum Schreiben hatte. Wiederum zwei Wochen später feierte Dalli ihren 16. Geburtstag. Sie bekam nur wenige Geschenke, wie es auf dem Immenhof seit jeher üblich war. Diesmal erhielt sie auch Handtücher und Bettwäsche, die als Teil der Aussteuer dienen sollten. Dalli machte sich darüber keine Gedanken. Aussteuer das klang nach tiefstem Mittelalter. Außerdem war sie noch jung und brauchte noch nicht ans Heiraten zu denken. Erst war doch sowieso Dick an der Reihe, da sie älter war.

Im Februar und im März kamen die ersten Fohlen des neuen Jahres zur Welt. Dalli war fast bei jeder Fohlengeburt dabei, außer wenn diese vormittags und an Werktagen stattfanden. Alle Fohlen waren gesund und munter. Bereits im Sommer würden sie, gemeinsam mit ihren Artgenossen, entweder auf dem Immenhof auf der Weide herumtoben oder bei einem neuen Besitzer. Ja auch die kleinsten Tiere mussten verkauft werden, sobald sie alt genug dazu waren. Ein Fohlen brachte einiges an Geld ein.

Ende April kamen Dalli und Dick von der Schule hungrig von der Schule heim. Aufgrund des warmen Wetters, war der Mittagstisch im Freien gedeckt worden. Es gab Kartoffeln mit Soße. Ein gewöhnliches Alltagsessen. Etwas machte Dalli stutzig. Warum rauchte Jochen heute nicht? Hatte er etwa mit dem Rauchen aufgehört? Oder war seine Pfeife kaputt gegangen?
„Was schreibt Ralf?“, wollte Dalli wissen.
„Nicht viel. Er ist einige Tage erkältet gewesen, befindet sich jedoch inzwischen auf dem Weg der Besserung.“
„Da kannst du ihm ja nicht mal einen Kuss geben, aus Sorge, dich mit der Erkältung anzustecken.“
„Wenn ich könnte, würde ich nach Lübeck fahren, um Ralf endlich wiederzusehen. Ich habe schon fast vergessen, wie er aussieht.“
„Du hast doch sein Bild auf dem Nachttisch stehen?“
„Das Bild ist ein halbes Jahr alt. In dieser Zeit verändert sich ein Mensch so schnell.“
„Dann schreib doch Ralf einfach, er soll dir ein aktuelles Bild oder Photo schicken. Oder wird das zu teuer?“
„Er hat auch ein Porträt von mir bei sich zu Hause. Eine handgefertigte Bleistiftzeichnung.“
„Na siehste, wie er dich gern hat. Bei seiner Schwester würde er das nicht machen.“
„Ethelbert schreibt dir ja auch?“
„Ja, aus reiner Höflichkeit. Mehr nicht.“, Dalli verbarg ihr Gesicht in der Serviette, um sich die Mundwinkel damit abzutupfen.

Am anderen Ende des Tisches plauderten Margot und Oma Jantzen miteinander. Allerdings so leise, dass Dalli kein Wort verstehen konnte, so sehr sie die Ohren auch spitzte.
Hannes und Hein nahmen ihr Mittagessen, wie immer, in der Küche ein. Es gehörte sich nicht für Angestellte, am gleichen Tisch wie die Chefs zu sitzen, soviel wusste Dalli bereits Bescheid. Sie fand es zwar ungerecht den Herren gegenüber, konnte es jedoch nicht ändern, so sehr sie es versuchte.
Trine räumte die Teller ab, brachte den Nachtisch: Erdbeereis mit Schlagsahne. Die Erdbeeren stammten aus dem Garten des Immenhofs, waren im letzten Jahr geerntet und den Winter über kühl gelagert worden, damit sie nicht verdarben. Ein Schmetterling flatterte dicht vor Oma Jantzens Nase herum. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Die Sonne stand hoch am Himmel.
Jochen erhob sich, klopfte an sein Wasserglas, das vor ihm auf dem Tisch stand: „Seid mal ruhig: Ich habe euch etwas Wichtiges zu sagen.“
Dall legte die Serviette beiseite, wandte den Blick Richtung ihres Schwagers. Auch das Geplauder von Oma Jantzen und Margot verstummte.
„Wir bekommen Nachwuchs.“
„Ja, ich bin im 3. Monat schwanger.“, verkündete Margot mit stolzgeschwellter Brust.
„Ich gratuliere euch. Demnach ist es Ende Oktober soweit, wenn ich richtig gerechnet habe.“
Dalli schloss sich der Gratulationen an, wenngleich sie es sich kaum vorstellen konnte. Margot sah doch noch rank und schlank aus, zumindest von der Ferne. Erst bei näherem Hinsehen konnte man eine leichte Wölbung unter dem geblümten Kleid erkennen.
„Weiß dein Vater es schon?“, wollte Dick wissen.
„Ich werde es ihm noch heute telegraphieren.“, antwortete Margot. „Das ist am schnellsten und am billigsten.“
„Wie ein Opa sieht Onkel Pankraz nun nicht gerade aus.“, scherzte Dalli.
„Wie soll den ein Opa deiner Meinung nach denn aussehen?“
„Alt, mit grauen Haaren und einem dichten weißen oder grauen Bart.“, erwiderte Dalli unbekümmert, wie es ihr Art war. Den strafenden Blick von Oma Jantzen nahm sie dafür gerne in Kauf.

„Am liebsten wäre ich an Margots Stelle.“, flüsterte Dick.
„Wieso das?“, gab Dalli ebenso leise zurück.
„Ich hätte auch gerne ein kleines Baby, dass ich verwöhnen kann.“
„Von Ralf?“
„Von wem auch sonst. Allerdings bin ich noch nicht volljährig und muss daher noch etwas warten, bis ich heiraten darf. Außerdem hat Ralf mich noch nicht gefragt, ob ich seine Frau werden will.“
„Warum probierst du es nicht schon vor der Ehe aus?“
„Dalli, wie kommst du auf solche Ideen? Keine anständige Frau tut so etwas. Und jetzt genug davon.“

„Ich werde im Sommer mitarbeiten, solange es mir gut geht.“, meinte Margot. „Reiten darf ich leider nicht mehr, dafür kann ich mich im Haus nützlich machen und Trine ein wenig zur Hand gehen.“
„Das ist eine gute Idee. So Kinder und nun esst, das Eis fängt langsam zu schmelzen an.“
Dalli ließ sich das nicht zweimal sagen. So einen Luxus gab es nur höchst selten im Jahr.
„Wo soll das Baby schlafen?“
„In der ersten Zeit bei uns im Schlafzimmer. Und dann wird es ein eigenes Zimmer brauchen.“, antwortete Jochen auf Dicks Frage hin, während er sein Eis löffelte.
„Habt ihr schon einen Namen?“, diesmal kam die Frage von Oma Jantzen.
„Wir wissen ja noch nicht mal, was es wird. Und wollen uns überraschen lassen. Spätestens bis zur Geburt werden wir den passenden Namen gefunden haben.“, lächelte Margot erfreut.

Zwei Tage später traf die Antwort auf Margots Telegramm ein. Pankraz äußerte in wenigen Worten seinen Freude darüber, Großvater zu werden. Und er wolle, selbstverständlich dem Baby etwas schenken. Mehr dazu schriebe er in einem Brief, der noch auf dem Postweg sei.
„Eine Wiege kann ich selbst herstellen.“, Jochen faltete das Telegramm zusammen.
„Die Babyausstattung stricke ich eigenhändig.“, ergänzte Margot, eine Hand auf ihren Bauch gelegt.
„Lass mich das machen. Du musst dich doch schonen.“, bot Oma Jantzen an.
„Das Baby wird dein Urenkelkind sein, sozusagen.“
„Ja, so kann man sagen.“, Oma Jantzen strahlte wie die aufgehende Sonne. „Was soll ich zuerst stricken? Ein Jäckchen oder ein Höschen? Oder ein paar kleine Söckchen?“
„Wie du willst. Das überlasse ich ganz deinen hervorragenden Fähigkeiten.“

Dalli wollte sich auch nützlich machen, doch was das Handarbeiten anging, hatte sie zwei linke Hände. Dick hingegen versprach, Oma Jantzen beim Stricken zu unterstützen und sei es auch nur beim Halten der Wolle. Noch am selben Tag erfuhr auch Dr. Pudlich die Neuigkeit.
„Endlich wird’s mal wieder ein kleines Baby hier auf dem Immenhof geben. Ich mag Babys gerne.“
„Dabei haben Sie nie welche gehabt.“, erwiderte Oma Jantzen, deren Stricknadeln bereits klapperten.
„Es sollte eben nicht sein. Ich kann trotzdem gut mit Babys und Kinder umgehen.“
Trine nahm die Neuigkeit gleichgültig auf, ebenso wie Hannes. Hein hingegen meinte: „Gratuliere zu dem guten Treffer, Captain. Alle Achtung.“
„Hein!“, entrüstete sich Oma Jantzen, während Dalli und Jochen sich vor Lachen bogen.
„Es ist eben seine Art, seine Freude zu zeigen.“, meinte Dick. „Er kann aus seiner Haut nicht heraus. Darf ich Ralf Bescheid sagen?“
Margot und Jochen wechselten einen Blick, nickten dann einstimmig.
„Er wird’s entweder jetzt erfahren, oder wenn er wieder einmal zu Besuch kommt.“, ergänzte Margot.
"Walzer .... Walzer hätt' ich auch gekonnt."
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Andrea1984
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Kapitel 8

Beitragvon Andrea1984 » Fr 11.Mai.2018 22:44

„Lieber Ralf,

vielen Dank für deinen vorigen Brief. Ich freue mich sehr darüber. Und sehne mich so nach dir …“

„Dalli, was soll das?“, rief Dick, die am Schreibtisch lehnte, halb entsetzt, halb entrüstet aus, griff zu der Haarbürste, die mitten auf dem Nachttisch lag. „Man liest doch nicht anderer Leute Briefe.“
„Ralf schreibt dir regelmäßig, du kannst dich also kaum beschweren.“, konterte Dalli.
„Außerdem steht das nicht im Text, was du da laut vorgelesen hast.“
„Ich weiß, ich will dich doch nur ein wenig auf den Arm nehmen.“
„Deshalb bist du bestimmt nicht einfach so in mein Zimmer hineingeplatzt, oder?“
„Die Ponys brauchen Bewegung und ich auch. Alleine ausreiten ist langweilig.“, Dalli setzte sich auf das Bett, baumelte mit den Beinen. „Da habe ich doch niemanden zum Reden.“
„Wenn du mich in Ruhe den Brief schreiben lässt, dann reite ich danach mit dir aus, versprochen.“

Dalli hüpfte vom Bett, nickte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, verließ das Zimmer und ging nach nebenan. Seit einiger Zeit hatte das junge Mädchen endlich ein eigenes Zimmer, dass früher entweder eine Abstellkammer oder eine Dienstbotenkammer gewesen war, und musste es sich nicht mehr mit ihrer Schwester teilen. Nun konnte sie jederzeit ihre Kleidung verstreuen, die Katzen zu sich ins Bett holen und abends noch länger Radio hören, als erlaubt war, ohne dass sich Dick darüber beschwerte, weil sie ihre Ruhe haben wollte. Der Nachteil war nur: Dalli musste sich nun selbst um die Ordnung in ihrem Zimmer kümmern, obwohl ihr die Hausarbeit überhaupt keinen Spaß machte.

„Für das Arbeiten bin ich alt genug, aber für das Fortgehen, zum Beispiel in den Dorfkrug, noch zu jung.“, dachte Dalli, während sie die Ponys für den Ausritt sattelte und die Trensen in die Mäuler der Tiere schob. Nach Blessie kam Arabella, eine Schimmelstute, an die Reihe. Die Sonne schien zwar, doch es wehte ein leichtes Lüftchen aus der östlichen Richtung. Hier und da schoben sich einige Wolken zusammen. Das Thermometer zeigte bereits Plusgrade an, aber es war kühl für Mitte Mai, so dass Dalli vorsichtshalber über der Bluse eine leichte Reitjacke angezogen hatte.
„Stampf nicht so mit den Hufen, Blessie. Wir gehen ja gleich ins Gelände, sobald Madame fertig ist.“
Arabella wieherte schrill auf, was Dalli zum Lachen brachte.
„Du bist nicht gemeint, versprochen. Du bist doch das klügste Tier auf der ganzen Welt.“
Dalli redete oft mit den Ponys und den Pferden und war überzeugt davon, dass diese ihr zuhörten. Blessie und Arabella steckten die Köpfe zusammen, als ob sie sich miteinander unterhalten würden.

„Endlich bist du da. Ich wollte schon einen Steckbrief aufhängen.“
„Darf ich mir aussuchen, wohin unser Ritt geht?“
„Klar, warum nicht.“, Dalli war damit einverstanden. Hauptsache, sie kam ins Gelände.
„Ich muss zur Post, den Brief an Ralf aufgeben.“
„Aha, deshalb ist deine Reitjacke ausgebeutelt. Ich habe mich schon darüber gewundert.“, meinte Dalli, während sie in den Sattel stieg und die Zügel aufnahm. „Zeig mal was du kannst, Arabella.“
„Langsam, nichts übereilen. Erst ein paar Runden im Schritt und dann einen langsamen Trab.“
„Ich weiß: Das sagt Jochen auch immer. Die Ponys sollen sich nicht überanstrengen.“
Dalli ritt voraus, aus dem Hoftor hinaus, Dick hinterdrein, da das Hoftor zu schmal für zwei Ponys war.

Auf der Hauptstraße fuhren viele Autos, so dass Dalli, die gerne schneller geritten wäre, das Tempo drosselte. Hinter sich hörte sie das Schauben von Blessie. Dalli klopfte Arabella den Hals, um sie zu beruhigen: „Ist ja schon gut. Wir kommen gleich hinüber in den Forst, das ist es ruhiger.“
Dort wagte Dalli nach dem leichten Trab, einen kleinen Galopp, sprang sogar über eine herumliegende Baumwurzel. Und wartete dann, bis Dick ebenfalls den Sprung ausgeführt hatte.
„Wohin reiten wir jetzt? Gleich ins Dorf oder noch ein wenig in den Wald hinein, wo es kühler ist?“
„Erst ins Dorf.“, antwortete Dick in einem strengen Tonfall.
„Ist denn diese Brief an Ralf so wichtig?“
„Ja. Und nicht nur er. Ich habe auch noch andere Briefe dabei, die unbedingt heute aufgegeben werden müssen. Jochen hat sie mir zugesteckt. Es handelt sich um geschäftliche Briefe.“
„Apropos Geschäfte: Kann Margot denn im Sommer überhaupt beim Ponyhotel mitarbeiten?“
„Wieso nicht? Sie ist doch nur schwanger und nicht krank.“, meinte Dick.
„Ich bin schon so gespannt darauf, was es wird.“
„Was soll es schon werden: Ein Mädchen oder ein Junge. Für Zwillinge ist Margots Bauch zu klein.“
„Woher weißt du das?“, Dalli hielt kurz inne, wischte sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn.
„Ich habe eben aufgepasst, als das Thema in der Schule durchgenommen worden ist.“
„Aha, das erklärt alles. So, wird sind da. Ich gebe solange auf Blessie acht, während du dich um die Briefe kümmerst.“
Dalli blickte auf die Uhr? Diese war doch nicht etwa stehengeblieben?
„Blessie nicht. Das Gras da ist doch tabu. Mensch, du bekommst dann Durchfall oder etwas ähnliches, wenn du immer das fremde Gras naschst. Nimm dir ein Beispiel an Arabella, die tut das auch nicht.“
Dalli spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Was sollten die Leute von ihr denken?
„So, nun ist es gut. Madame kommt ja gleich wieder zurück.“
Vom Pferderücken aus konnte Dalli alles gut überblicken, darunter auch das Postamt selbst. An den Schaltern standen die Leute Schlange, ebenso vor den kleinen Räumen, in welchen sich Telephone befanden.
„Wie gut, dass wir auf dem Immenhof ein Telephon haben. Sonst müsste Jochen oder Dick jedesmal zur Post reiten, wenn ein wichtiger Anruf kommt oder jemand wichtiger angerufen werden soll.“
Dalli telephonierte nur selten, da sie niemanden hatte, mit dem sie hätte telephonieren können. Wenn Gäste anriefen, ging sie ans Telephon, plauderte ein wenig und wartete, bis die Gäste das Gespräch beendeten. Oft handelte es sich um Resevierungen für ein bestimmtes Zimmer oder ein Gast wollte unbedingt auf Blessie reiten und sich vergewissern, dass dieser ja frei war, wenn der Gast anreiste.

Nie wäre Dalli auf die Idee gekommen, Ethelbert anzurufen. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen hatte, so tat sie es brieflich und wartete geduldig, bis eine Antwort eintraf. Egal, ob es sich um alltägliche Erlebnisse oder um Grüße zu Weihnachten handelte. Einen Brief schreiben war immer noch billiger, als ein Telephonat zu tätigen. Außerdem hatte Dalli Ethelberts Telephonnummer nicht.
„Mal angenommen, ich würde so ein Gespräch tätigen, ich wüsste nicht, was ich sagen soll. Außerdem ist Ethelbert gar nicht daheim, sondern im Internat, das hat er mir selbst erzählt. Aha, nun ist Dick am Schalter fertig und geht hinüber zu einem der kleinen Räume. Vermutlich will sie Ralf anrufen und Oma Jantzen soll davon nichts mitbekommen. Na mir ist es recht. So ein Telephonat soll ganz schön teuer sein, das hat mir Jochen einmal erzählt, zumindest wenn man das Gespräch beginnt. Wird man angerufen kostet es weniger oder gar nichts, wenn ich achtgegeben habe.“

„Das Porto wird jedesmal teurer.“, seufzte Dick, als sie wieder zurückkam.
„Nur das Porto? Ich habe dich beobachtet.“, stichelte Dalli.
„Ach das. Das ist gar nichts. Was würde Oma dazu sagen, wenn sie es wüsste?“
„Sie wird es nicht erfahren, von wem sollte sie auch.“, Dick stieg in den Sattel, nahm die Zügel auf. „Im Übrigen habe ich das Gespräch von meinem eigenen Geld bezahlt. Mach dir da also keine Sorgen.“
„Ich weiß etwas besseres, als stundenlang zu telephonieren.“, behielt Dalli das letzte Wort.
An diesem Tag fühlte sie sich irgendwie unwohl, ohne zunächst den Grund dafür benennen zu können. Hatte sie zu wenig gegessen oder zu wenig getrunken? Oder lag es an den warmem Temperaturen? In ihrem Magen kribbelte es, als ob sie Ameisen gefrühstückt hätte und sie fühlte sich schwindlig. Mühsam schleppte sie sich, während der Stallarbeit Schritt für Schritt vorwärts.

Erst am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, löste sich alles von selbst. Dalli war nun klar, warum Dick damals bei der Weinlese in Eltville unpässlich gewesen war.
„Kommt das nun jedesmal wieder?“
„Ja, du wirst dich damit abfinden müssen. Außer du bist schwanger.“
„Na damit hat es noch ein wenig Zeit. Ich bin doch erst 16 Jahre alt.“
„Sag das nicht. Man kann durchaus in jungen Jahren schwanger werden.“
Dalli hörte geduldig zu, was sie tun alles tun musste, wenn „es“ wieder soweit war.
„Denk daran: Dieses Gespräch bleibt unter uns.“
„Du kannst dich auf mich verlassen.“, versicherte Dalli. Irgendwie war sie erleichtert und froh zugleich. Erleichtert, weil sie wusste, woran sie war und froh, weil sie dieses Gespräch mit Dick unter vier Augen auf der Toilette führen konnte, ohne dass jemand mithörte oder mitreden wollte.

„Wie gut, dass ich wenigstens Dick habe, mit der ich mich darüber unterhalten kann.“, dachte Dalli, einige Zeit später im Bett liegend und an die Zimmerdecke starrend. „Mit Angela darüber zu reden, das wäre nichts gewesen. Und mit Oma? Ich glaube kaum, dass man in der „feinen Gesellschaft“ dieses Thema anspricht, obwohl es doch zum Frausein dazu gehört, wie das Salz in der Suppe.“
Nur mühsam gewöhnte sich Dalli daran, biss die Zähne zusammen und legte ab und zu einen Ruhepause ein. Ob Dick mit Oma Jantzen vertraulich darüber redete?

In den nächsten Wochen fiel Dalli auf, dass Dick und Margot sehr vertraut miteinander umgingen, sich immer wieder zurückzogen. Vermutlich diskutierten sie über das neue Leben, das unter Margots Herzen heranwuchs. Dalli fühlte sich ausgeschlossen. Sie hätte auch gerne mitgeredet.
„Soviel jünger als Dick bin ich nun auch wieder nicht. Aber bitte. Die beiden werden schon wissen, was sie tun.“, murmelte Dalli, während sie auf der Weide damit beschäftigt war, die Pferdeäpfel aufzusammeln. „Ich habe ja noch Mans, mit dem ich über vieles reden kann. Er ist ein guter Kumpel, nicht mehr und nicht weniger. Soll Dick doch bleiben, wo der Pfeffer wächst, das ist mir egal.“
Aber in diesem Frühjahr hatte Mans wenig Zeit, weil er sich auf das Abitur vorbereite.

Ende Mai trafen bereits die ersten Feriengäste ein. Vorerst blieben sie nur über das Wochenende und reisten dann wieder ab. Dalli wunderte sich darüber, stellte jedoch keine Fragen. Sie half bei der Betreuung der Gäste mit, versorgte die Pferde und lernte für die Schule. Ein Brief von Ethelbert ließ auf sich warten. Dalli war ungeduldig, doch sie wusste, sie durfte Ethelbert nicht drängen, sonst würde er ihr womöglich gar nicht mehr schreiben oder zu Besuch kommen oder noch schlimmer beides.

Mitte Juni zogen die nächsten Gäste auf dem Immenhof ein. Es gab nun deutlich mehr Arbeit. Dalli war froh darüber. Endlich wurde sie gebraucht und nicht immer nur als Kind wahrgenommen. Die Arbeit machte ihr Freude. Ab und zu gaben ihr die Gäste ein Trinkgeld. Dalli sammelte es in ihrer Spardose. Was sollte sie auch mit soviel Geld anfangen? Sie hatte doch alles, was sie brauchte.
Vor lauter Arbeiten und Lernen blieb ihr sowieso keine Zeit, das Geld für ein Eis oder für einen Kinobesuch auszugeben. Die Gäste, die vorwiegend aus den Städten waren, brachten genügend Neuigkeiten mit, so dass ihnen der Stoff dazu nie ausging. Am meisten mochte es Dalli, wenn Familien mit Kindern kamen. Die Kinder waren, je nach Altersstufe, artig und willig oder wild und trotzig. Dalli gab sich Mühe, alle Kinder mit Respekt und nicht von oben herab zu behandeln. Die Kinder liefen ihr in Scharen hinterdrein, nannten sie „Tante“, obwohl sie es eigentlich nicht war. Zu Margots Kind, das im Herbst geboren werden sollte, würde sie sozusagen eine Art Tante sein.

Dalli beobachtete unauffällig, wie Margot trotz oder gerade wegen, der fortschreitenden Schwangerschaft mitarbeitete, als ob nichts gewesen wäre.
„Wenn es bei mir einmal so weit sein soll, kann ich mir daran ein Beispiel nehmen.“, dachte Dalli, die Tische für das Frühstück der Gäste eindeckend. Es war noch früh am Morgen. Viele der Gäste schliefen, besonders im Urlaub, etwas länger und ignorierten das Krähen des Hahnes.
Das nasse Gras kitzelte unter Dallis Füßen. Am Abend zuvor hatte es geregnet. Doch der heutige Tag versprach sonnig und mild zu werden. Einige der Gäste wollten ausreiten, während die anderen einfach nur die Ruhe auf dem Immenhof dem Lärm der Großstadt vorzogen. Wie bereits im Vorjahr hatte sich auch Herr Ottokar nebst Gattin angekündigt, jedoch noch keinen konkreten Besuchstermin genannt. Das wusste Dalli, weil sie ein Telephongespräch zwischen Herrn Ottokar und Jochen belauscht hatte. Sie stellte fest, dass ihr das Belauschen nicht mehr soviel Spass, wie früher, machte.
„Wenn doch nur wenigstens Fritzchen hier wäre. Mit ihm habe ich mich gut verstanden. Ich weiß nicht, wo er solange bleibt. Inzwischen haben wir Ende Juni, da müsste Fritzchen doch bald Ferien haben.“

Dalli zuckte zusammen, als plötzlich ein Schatten auf den ihren fiel. Schnell drehte sie sich um.
„Ach du bist es, Margot. Ist alles in Ordnung?“
„Ja, beinahe.“, Margot unterdrückte ein Gähnen. „Das Baby drückt auf meine Blase, so dass ich nicht mehr schlafen kann. Frische Luft tut mir gewiss gut, bevor die Gäste aufwachen.“
„Setz dich doch. Das viele Stehen ist ungesund.“
„Sieh an, sieh an.“, Margot schmunzelte, legte eine Hand auf ihre deutliche Wölbung. „Hat dir Oma Jantzen oder Dick diesen Tipp gegeben?“
„Oh, keineswegs.“, versicherte Dalli, rückte den Brotkorb zurecht und stellte den Salzstreuer daneben.
„Jochen schnarcht wie ein Bär. Normalerweise tut er das nur selten. Aber in den heißen Nächten ist es extrem mit ihm. Ich kann leider nicht in ein anderes Zimmer ausweichen, da alle Räume besetzt sind.“
„Tja …“, Dalli grinste bis über beide Ohren.
„Du meinst, ich bin selbst schuld, weil ich mir einen Mann ausgesucht habe, der schnarcht.“
Dalli schluckte. Jetzt nur nichts falsches sagen, um Margot, deren Nerven angespannt waren, nicht zu reizen. Geschickt wechselte die junge Frau daher das Thema.
„Die kleine Wiege, die in der Scheune steht, ist prima. Jochen arbeitet beinahe jeden Tag daran.“
„Bei seinem Arbeitstempo ist er im September noch nicht fertig damit.“, Margot nahm eine der Servietten, die auf dem Tisch vor ihr lagen, knetete sie zu einem Ball zusammen und wieder auseinander.
„Ich sehe nun bei den Sonnenschirmen nach dem Rechten. Wenn du willst, spanne ich einen auf und stelle ihn dir her, damit du von der Sonne nicht geblendet wirst.“
„Das wäre sehr nett von dir.“
„Brauchst du noch etwas? Vielleicht ein Glas Wasser oder dein Strickzeug oder die aktuelle Zeitung?“
„Ein Glas Wasser habe ich bereits vorhin getrunken, beim Stricken habe ich zwei linke Hände und die aktuelle Zeitung ist noch nicht da. Oder hast du den Briefträger schon gesehen oder gehört?“
Dalli verstand nicht, warum Margot, die sonst eher geduldig war, sich so launisch verhielt und schob alles auf die Schwangerschaft.
„Ich nehme es einfach hin, wie es ist. Ändern kann ich es ja doch nicht.“
Dalli holte den ersten Sonnenschirm, den sie finden konnte, spannte ihn auf und überprüfte dann, ob die Tische ordentlich gedeckt waren: „Brotkorb, Salzstreuer, Zuckerdose, Tassen, Teller, Besteck, Servietten, Gläser. Die Wurst trage ich erst später heraus, sonst wird sie in der Hitze noch schlecht.“
Bald trafen die ersten Gäste ein. Dalli holte die Wurst, den Kaffee, sowie Kakao und Milch für die Kinder. Damit war ihre Arbeit für’s erste getan und sie konnte sich nun wieder den Tieren widmen.

Für das Abräumen und das Spülen des Geschirrs war heute Dick zuständig. Dalli wusste es deshalb so genau, weil ein Plan der Küche hing, auf dem genau stand, wer für welchen Bereich zuständig war. An diesem Tag läutete das Telephon Sturm. Jochen nahm die Anrufe im Büro entgegen. Dalli durfte ihn vertreten, wenn er eine Pause brauchte. Das Ponyhotel war, zumindest im Juli, weitestgehend ausgebucht und im August zumindest halbvoll, wie ein Kalender, der direkt neben dem Dienstplan hing, zeigte. Wenn die einen Gäste in der Früh, oft erst nach dem Frühstück abreisten, blieb nur wenig Zeit, die Zimmer wieder auf Vordermann zu bringen, ehe die nächsten Gäste bereits gegen Mittag oder spätestens am Nachmittag auf dem Immenhof eintrafen, von Hein oder Jochen mit einer der Kutschen abgeholt. Zu Fuß gingen die Gäste nur selten hierher, wie Dalli feststellte.

An diesem Tag schlug das Wetter, entgegen der Ankündigung im Radio, um, so dass die Gäste im Haupthaus einquartiert und die Ponys und Pferde in den Stall gebracht werden mussten. Einige der Gäste nahmen es mit Fassung, andere murrten und die Kinder quengelten. Dalli holte das Brettspiel Mensch-Ärgere-Dich-Nicht heraus und bot den Kindern an, damit zu spielen. So war wenigstens dieses Problem gelöst. Ein älteres Ehepaar trotzte dem Wetter, zog sich warme Jacken an und ging spazieren, kam jedoch vorzeitig wieder zurück. Der Regen wurde stärke und stärker.
„Da hat es geblitzt!“, rief jemand. Dalli wusste, was das zu bedeuten hatte. Ein Gewitter war im Anrollen. Jetzt durfte nur nichts geschehen. Dalli sah als erstes bei Oma Jantzen, die Angst vor Gewittern hatte, nach dem Rechten.
„Ich bleibe solange auf dem Sofa liegen, bis das Gewitter vorbei ist.“
„Die Gäste warten unten auf mich.“
„Ja, geh ruhig. Ich komme schon zurecht. Mach dir keine Sorgen um mich.“
Dalli wollte rasch wissen, wie sie die Gäste bei Laune halten konnte. Ob es dafür eine Lösung gäbe?
Oma Jantzen schüttelte den Kopf, meinte Dalli könne sich an Jochen oder Hein wenden.

„Was hältst du davon, wenn Hein den Gästen ein wenig Seemannsgarn erzählt?“, fragte Dalli ihren Schwager, der im Arbeitszimmer saß und dort seine Pfeife rauchte.
„Das ist eine gute Idee. Ich sage Hein gleich Bescheid. Ist in der Küche alles in Ordnung?“
„Oh, das weiß ich nicht.“, gab Dalli offen zu, nahm sich vor, dort nach dem Rechten zu sehen.
Auf dem Weg zur Küche stieß Dalli beinahe mit Hein zusammen, der aus seiner Schlafkammer trat.
„Du hast mir gerade noch gefehlt.“
„Nanu. Wo drückt denn der Schuh? Will der Käpt'n in dem Sturm segeln gehen und ich soll ihm beistehen?“
„So etwas in der Art ja.“, meinte Dalli und kam damit Jochen zuvor, der doch eigentlich mit Hein reden sollte.
„Geht klar. Für den Käpt'n tu ich doch alles. Na dann werden wir mal sehen.“, brummelte Hein, ging ins Wohnzimmer hinüber, wo die Gäste vor einer Tasse Kaffee und etwas Gebäck saßen und warteten. Eine der Damen hatte ein Kreuzworträtsel vor sich liegen, eine der andere hielt ihren kleinen Hund auf dem Schoß, redete leise mit dem Tier, als ob sie es beruhigen oder trösten wollte.

Dalli wusste die Gäste versorgt und ging nun in die Küche, wo Dick das Geschirr spülte und Trine damit beschäftigt war, das Mittagessen vorzubereiten.
„Kann ich etwas helfen?“
„Danke, wir kommen schon zurecht.“, versicherte Dick, deren Hände bis zu den Ellbogen im Seifenschaum steckten und dabei waren, einen Teller zu reinigen. „Bist du schon bei Oma gewesen?“
„Ja, sie hat sich auf das Sofa gelegt. Du kennst sie doch.“
„Dann bin ich beruhigt.“, Dick atmete tief ein und aus. „Wo steckt Margot?“
„Gute Frage, das weiß ich nicht. Vermutlich bei den Gästen oder sie hat sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, wenn ihr alles zuviel geworden ist.“
„Hannes ist im Stall bei den Ponys, das hat er mir vorhin selbst erzählt, wie er sich eine Tasse Kaffee geholt hat.“
„Braver Hannes. Er wird das schon schaffen.“
Vom Wohnzimmer her, erklang lautes Lachen. Dalli lachte auch und Dick schmunzelte.
"Walzer .... Walzer hätt' ich auch gekonnt."
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Andrea1984
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